(PETRA, Juli 2013)

Generation Feierabend

Burnout war gestern, Selbst-Ausbeutung ist out: Gute Jobs, das sind heute Jobs, die uns gut tun. Jobs mit Sinn und Spaß, die uns genügend Freiraum lassen für Freundschaften, Beziehungen, Hobbys. Endlich mal positive Nachrichten aus der Arbeitswelt!

Werbeagenturen gehören normalerweise zu den Firmen, die man schon erkennt, wenn man draußen vor dem Bürogebäude steht. Weniger wegen der Hipster-Wollmützen und coolen Schuhen der Leute, die dort aus- und eingehen, eher wegen der irrwitzigen Arbeitszeiten: Da brennt das Licht schon mal nachts um drei, sonntags geben sich Sushi-Lieferservice und Pizzamann die Klinke in die Hand. Nicht so bei der Hamburger Agentur „achtung!“: „Um 19 Uhr ist Schluss, und am Wochenende ist nur in absoluten Ausnahmefällen jemand da – auch ich nicht“, erzählt Chef Mirko Kaminski. Obwohl die Agentur für Großkunden wie Ebay, Daimler und die Deutsche Bahn tätig ist. „Das geht alles, man muss sich nur organisieren – etwa mit genauen Zeitvorgaben für Meetings.“

Kaminskis Team ist keine exotische Ausnahme. Weniger arbeiten, flexibler arbeiten, mehr Zeit haben fürs Privatleben – dieser Trend ist auch anderswo im Kommen. Heidi Stock, Personalentwicklerin beim Elektronik-Hersteller Bosch in Stuttgart: „Das Thema Teilzeitjobs ist bei uns längst nicht mehr auf Mütter mit kleinen Kindern beschränkt. Gerade junge Bewerber fragen heute bei Jobmessen oder Recruiting-Veranstaltungen ganz selbstverständlich nach weniger Wochenstunden, Home-Office oder flexiblen Modellen, etwa, weil sie mehr Muße haben möchten für eigene Interessen. Sogar bei den Führungskräften arbeitet jede vierte nicht in Vollzeit.“ Andere Unternehmen führen per Handstreich den guten alten Feierabend wieder ein: So bekommen Angestellte bei VW seit einem guten Jahr nach Büroschluss keine beruflichen Mails mehr zugestellt, der Server wird einfach abgeschaltet – Ausnahmen gibt’s nur für das Top-Management.

Zeichen einer Mentalitäts-Wende, die Laune macht. Denn in den vergangenen Jahren war das Arbeitsleben häufig eher Grund für Frust als für Lust. Endlose Arbeitstage mit Meetings um 19 Uhr („da ist es wenigstens einigermaßen ruhig“). Unausgesprochene Wettbewerbe im Team: Wer sitzt abends länger, wer wälzt selbst am Sonntag Fachmagazine statt Schwedenkrimis? Und dann noch die ständig zirpenden Push-Mitteilungen aus der Kommandozentrale, die uns auch beim Samstagsgrillen oder im Urlaub erreichen. Die negativen Folgen sind seit Jahren ein Top-Talkshow-Thema: Existenzangst, Depression und Burnout.

Ein Zustand, der auf die Dauer niemandem guttun kann – weder Angestellten noch Chefs. Und den sich deshalb immer weniger Menschen gefallen lassen. Vor allem solche, die neu ins Berufsleben einsteigen. „Hochschul-Absolventen und gute Fachkräfte, besonders in Bereichen wie Technik und IT, treten heute sehr selbstbewusst auf“, sagt Svenja Hofert, Hamburger Trainerin und Autorin von Bewerbungsratgebern und Fachbüchern. „Sie wissen, dass sie dringend gesucht werden, und was sie fordern können.“ Nicht nur viel Geld, sondern auch viel Muße. Sogar in notorischen Ausbeuter-Branchen wie der Werbung, sagt „Achtung“-Chef Mirko Kaminski: „Wenn ich als Arbeitgeber keine guten Bedingungen biete, also auch angemessene Arbeitszeiten, dann bekomme ich auch nicht die besten Bewerber.“

Zum Wissen um den eigenen Wert kommt noch etwas: die innere Einstellung zum Job. Auch die hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Bernd Slaghuis, Job-Coach aus Köln: „Heute zählen beruflich wie privat stärker Werte wie Kollegialität. Motive wie Geld, Anerkennung und Macht treten in den Hintergrund.“ Dabei, sagt Slaghuis, haben Frauen die Nase vorn: „Sie reflektieren sich selbst mehr, denken früher darüber nach, welche Aufgaben sinnstiftend sind und welches Job-Umfeld ihnen gut tut.“ Slaghuis ist dabei überzeugt, dass wir unser berufliches Wohlbefinden selbst in der Hand haben: „Ob wir uns ausbeuten lassen, ist unsere eigene Entscheidung.“ Das gilt nicht nur für international begehrte Software-Expertinnen, sondern auch für Marketing-Assistentinnen oder Modeeinkäuferinnen. „Wenn es sich nicht richtig anfühlt, weitersuchen – bis man ein Jobumfeld findet, das zu den eigenen Werten passt“, rät Slaghuis. Auch wenn es dort vielleicht nicht ganz so viel Urlaubsgeld zu holen gibt, dafür vielleicht mehr Urlaubstage. Der Wertewandel ist sogar bei Unternehmerkindern zu sehen: Statt sich ins gemachte Nest zu setzen, haben immer weniger Söhne und Töchter aus Familienbetrieben Lust auf den ererbten Chefsessel. Weil’s zu stressig ist – oder weil ihnen die Firmenkultur zu miefig und die Produkte zu öde sind.

Als „Generation Y“ bezeichnen Experten die neue Gruppe von gleichzeitig toughen und sensiblen Job-Neulingen zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Frauen und Männern, die im Zweifelsfall lieber kündigen, als sich ständig die Nächte zwischen blinkenden Monitoren um die Ohren zu schlagen oder die Launen neurotischer Chefs auszubaden. Dabei sind sie keineswegs Weicheier, die vor jeder Belastung in die Knie gehen: Wenn ein Projekt abgeschlossen werden muss oder eine Chance in Shanghai statt in Stuttgart wartet, sind sie mit Begeisterung dabei. Aber sie vergessen darüber nicht, was im Leben sonst noch zählt – und was sich nicht vom Kontoauszug ablesen lässt. Die Beziehung, die Clique, das Interesse an Vintage-Möbeln oder Poetry Slams – und manchmal einfach das Nichtstun. Als der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt von der „Stiftung für Zukunftsfragen“ vergangenes Jahr nach den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen fragte, sagte fast jeder zweite: Faulenzen. Noch fünf Jahre zuvor war es nur ein gutes Drittel. Hurra: Endlich nach Büroschluss mit gutem Gewissen auf dem Beachclub-Liegestuhl lümmeln, statt auf der After-Work-Party zu networken!

Sieht die Zukunft der Arbeit also ungefähr so aus wie ihre Vergangenheit: mit einer strikten Trennung von Arbeit und Freizeit, mit Feierabendbier und gleichgeschalteten Betriebsferien? Das nun auch wieder nicht: Schließlich haben wir uns längst daran gewöhnt, dass die Grenzen verschwimmen. Das muss allerdings nicht unbedingt in Stress ausarten. Sondern führt im besten Fall sogar zu Jobs, die passgenau auf uns zugeschnitten sind. Etwa bei IT-Firmen wie Microsoft, denen es mittlerweile beinahe egal ist, wo und wann die Mitarbeiter ihre Arbeit machen – Hauptsache, das Ergebnis stimmt. „Bei uns kann jeder seine persönliche Work-Life-Balance finden“, sagt Brigitte Hirl-Höfer, Microsoft-Personalchefin und Mitglied der Geschäftsführung. „Manche Leute sind zum Beispiel morgens produktiver, andere abends.“ Nicht nur ein Vorteil für junge Mütter und Väter, die Dienstag früh zum Babyschwimmen wollen, sondern auch für Leute, die (noch) ohne Kinder sind. Morgens zum Joggen, abends an den Schreibtisch – klingt nach einem entspannten Arbeitstag. Und diese Offenheit nutzt nicht nur den Angestellten: „Studien beweisen, dass Firmen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen deutlich produktiver sind“, erklärt Brigitte Hirl-Höfer.

Eine klassische Win-Win-Situation. Denn im Grunde geht es gar nicht um den Feierabend zur festen Zeit, sondern eher um das Feierabend-Gefühl. Und das stellt sich nicht zwingend am Freitag Nachmittag in der Firmen-Tiefgarage ein. Sondern auch mal Montag morgens um neun, auf der Yogamatte.

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