(How to spend it/ Financial Times Deutschland, März 2007)

Die fabelhafte Welt der Nathalie

Eine schillernde Karriere: Seit einem Jahr ist die 40jährige Nathalie Colin-Roblique Kreativ-Direktorin der Schmuck- und Accessoirelinie von Swarovski. Ihre wichtigsten Inspirationsquellen: Asien, moderne Kunst – und das Wohnzimmer ihrer Kindheit

Wer Nathalie Colin-Roblique die Hand drücken möchte, braucht Fingerspitzengefühl. Dabei gilt die neue Kreativ-Direktorin der Firma Swarovski weder als unnahbar noch als schwierig –im Gegenteil. Aber da ist dieser Ring an ihrem rechten Finger: ein Monsterklunker aus schwarzem Kristall, mindestens zwei Zentimeter dick und so massiv, dass man ihn auch als Wahrsager-Kugel verwenden könnte. Oder zur Selbstverteidigung. „Ah, non!“, Colin-Roblique lacht, „das ist bloß eines meiner Lieblingsstücke aus der letzten Kollektion. Ich fand Ringe schon als kleines Mädchen toll – meine Großmutter trug einen mit einem riesigen Amethyst. So etwas wollte ich auch haben, wenn ich groß bin.“
Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. In ihrem Atelier in der noblen Rue Saint Honoré, dort wo kein Mineralwasser unter fünf Euro kostet und keine Frau über Konfektionsgröße 36 trägt, sitzt die Designerin mit den Audrey-Hepburn-Rehaugen und der Sixties-Fransenfrisur an der Quelle. Denn als Chefin eines Teams mit sieben verschiedenen Abteilungen in vier Ländern ist sie nicht nur die Herrin der Ringe, sondern verantwortlich für jedes Stück vom Abendtäschchen bis zum Bilderrahmen. Ob in ihrem stuckverzierten Büro, im Nachtzug zur Firmenzentrale im Tiroler Bergdorf Wattens oder beim Skizzen kritzeln in irgendeiner Flughafenlounge, überall verfolgt die 40jährige ihr hochgestecktes Ziel: dass man bei dem Namen „Swarovski“ nicht mehr in erster Linie an die Nippessammlung in Schwiegermutters Vitrine denkt. Sondern an Défilées auf den roten Teppichen von Cannes. An Madonnas öffentliche Auftritte mit dem schachtelförmigen, kristallbesetzten „Cube Bag“. An Ketten, die sich um den Hals schmiegen wie Stoffschals, edel und lässig zugleich.
Die Begeisterung für Mode, Schmuck und Design wurde Nathalie Colin-Roblique in die Wiege gelegt – mehr oder weniger wörtlich. Ihr Geburtsort nahe Epinal in Lothringen lag im Zentrum der französischen Textilindustrie, beide Eltern waren in der Branche beschäftigt. Nathalie konnte kaum laufen, da spielte sie schon am liebsten mit den Stoffproben, die Papa und Maman von der Arbeit mit nach Hause brachten, bastelte Collagen und nähte später ihre eigenen Puppenkleider. „Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich vor allem Muster und Farben“, erinnert sie sich. Mutters türkises Minikleid mit weißen Hasen darauf; die Möbel, zum Teil im schrillen Siebziger-Design, zum Teil antik. Offenbar eine prägende Erfahrung: In Colin-Robliques Büro treffen sich ein antikes Apothekerschränkchen aus China und Stühle in Plexiglas-Optik zum Rendezvous, in ihrem Kleiderschrank finden sich alle Farben des Regenbogens – aber kein Schwarz. Kein Wunder, dass auch manche Stücke aus der Sommerkollektion an ihre Kindheits-Collagen erinnern: echter Bergkristall kombiniert mit Schmucksteinen, leuchtendes Türkis und mattes Weiß, edle Spitze und lose Silberkettchen, die den Kaputt-Look der frühen Punkbewegung imitieren.
Design für das 21. Jahrhundert, inspiriert vom heimischen Wohnzimmer und der modernen Welt. „Wir reisen, essen Fusion Food, es gibt immer mehr Mischehen – Mode muss diesen Lifestyle wiederspiegeln“, glaubt Colin-Roblique. Sie hat keinen bestimmten Typ Frau im Kopf, wenn sie gemeinsam mit ihrem Team Farben und Formen für die kommende Saison festlegt. „Frauen in der ganzen Welt werden sich immer ähnlicher“, hat sie beobachtet, „wir haben gemeinsame Werte, gemeinsame Interessen, nehmen unsere Arbeit ernst und unsere Mutterrolle. Die Mode muss uns schön machen, aber auch praktisch sein.“ Deshalb ist selbst im kleinsten Swarovski-Abendtäschchen Platz für Geldbeutel und Handy.
Was das Mittelstands-Mädchen aus der Provinz beruflich machen wollte, wusste sie lange nicht genau. Nur eines war klar: „Ich wollte reisen, die Welt sehen, und kreativ arbeiten.“ Nach einer soliden Ausbildung (Abitur mit Mathematik- und Physikschwerpunkt, Marketingstudium in Nancy) tat sie beides: verbrachte 1989 ein Jahr in New York an der Modeschule „Fashion Institute of Technology“, jobbte beim Modelabel Perry Ellis gemeinsam mit dem (damals noch unbekannten) Stardesigner Marc Jacobs. Und kam nur zurück nach Paris, um sofort wieder ihren Koffer zu packen. Im Auftrag der Trendforschungsagentur Promostyl beriet sie eine japanische Firma beim Einstieg in den europäischen Markt und nutzte die Trips nach Fernost auch für private Entdeckungsreisen. „Asien ist eine andere Welt“, schwärmt sie. „Wenn alles fremd ist, wenn man weder die Sprache spricht noch die Schilder lesen kann, dann verliert man komplett seinen Bezug. Und dieser Zustand macht offen für Inspiration.“ Die abenteuerliche Suche nach Schönheit führte Colin-Roblique an die abgelegensten Orte, etwa ein Bergdorf im Himalaya: „Ein Bild werde ich nie vergessen: Alle Menschen, vom kleinen Mädchen bis zum Greis, schmückten jeden Morgen ihre Haare mit Blumen und Edelsteinen, um die Sonne zu begrüßen.“
Es ist diese Art von flüchtiger Schönheit, die die Designerin berührt. Genau so, wie sie in der modernen Kunst besonders die „Land Art“-Richtung liebt: Installationen mit Steinen, Wasser, Licht, die ihrer eigenen Auflösung entgegen streben. „Deshalb fasziniert mich auch Kristall“, sagt Colin-Roblique, „weil er immer einen anderen Effekt haben kann: Mal glitzernd, glamourös und weiblich, mal geheimnisvoll, matt, beinahe männlich. Und mit der Bewegung und dem Lichteinfall verändert er ständig sein Aussehen.“ Ein Effekt, der sich noch steigert, wenn verschiedene Farben ins Spiel kommen.
Genau das war es, was sie der Firma bei ihrer ersten Begegnung 1994 empfahl: Mut zur Farbe. „Swarovski wollte damals seinen Schmuck- und Accessoirebereich erweitern“, erzählt Colin-Roblique, „und so bekam ich von Promostyl den Auftrag, sie zu beraten.“ Aus dem einmaligen Consulting wurde über Jahre eine lockere Zusammenarbeit. Währenddessen gründete sie ihre eigene Agentur „Cultural Sushi“, heiratete, bekam eine Tochter. Es war im Jahr 2005, als Karl-Heinz Rampold, Marketingmann und Trendforscher bei Swarowski, zum Telefon griff. Eigentlich nur, um mal wieder mit ihr zu plaudern. Den Konzern plagte ein Luxusproblem: erfolgreich, aber verzettelt. Auf der einen Seite gab es die Haute Couture-Kollektion unter der Leitung der damaligen Kreativchefin Rosemarie Le Gallais, auf der anderen Seite den industriell gefertigten Modeschmuck, die Dekogegenstände, die Sammeltierchen. „Rampold erzählte, sie bräuchten jemand, der den verschiedenen Bereichen eine gemeinsame Handschrift gibt. Außerdem sollte er mit den Produkten vertraut sein und zur Firma passen. Auf einmal stoppte er mitten im Satz und fragte: Moment mal - was ist eigentlich mit Ihnen?“
Die ersten Monate nach dem Start im Februar 2006 waren nicht ganz einfach. Zum einen, weil Colin-Roblique noch nie mit Kristall gearbeitet hatte. „Ich musste einiges über die Grenzen des Materials lernen“, erinnert sie sich. Zum Beispiel, dass Ohrringe eine bestimmte Länge nicht überschreiten dürfen, damit man sich nicht verletzt. Und Fingerschmuck immer auf einen Metallring aufgezogen werden muss. Dazu kam der lange Schatten der Vorgängerin: „Rosemarie Le Gallais hat aus einem Industrieunternehmen eine Modemarke gemacht, und sie hat Ikonen entworfen wie den Nirvana-Ring, der seit 15 Jahren ein Verkaufsschlager ist. So etwas muss ich ihr erst einmal nachmachen.“ Erst, als die erste Kollektion aus ihrer Hand fertig im Pariser Showroom lag, entspannte sie sich: „Ich wusste: Das Unternehmen hat so viel Geld in meine Entwürfe investiert, dann kann ich damit nicht ganz falsch liegen.“ Mit dabei: Der voluminöse Ring in schwarz. Mittlerweile entwirft sie bereits ihre vierte Kollektion für das Frühjahr 2008.
„Ich habe großen Respekt für die Tradition, die Rosemarie Le Gallais geschaffen hat“, sagt Nathalie Colin-Roblique, „aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen.“ Zum Filmfestival in Cannes, im Mai 2007, wird es die erste „Red Carpet Collection“ geben – Schmuck und Accessoires, speziell entworfen für den großen Auftritt der Filmprominenz. Colin-Roblique denkt auch an Kunden, die bisher mit Swarovski wenig am Hut hatten: Männer. Einige Stücke aus der Frühjahrsproduktion haben deutlich metrosexuellen Appeal. Etwa eine Kette mit einem schwarzen Kristallanhänger, der geformt ist wie ein Raubtierzahn. Und noch etwas würde die Designerin reizen: Kristallschmuck für Kinder.
Die fünfjährige Tochter wäre sicher begeistert. Denn sie würde lieber heute als morgen in die Fußstapfen ihrer Mutter treten. „Manchmal bastelt sie mir Ringe und Ketten aus Papier und besteht darauf, dass ich sie zum Essen anziehe“, erzählt Nathalie Colin-Roblique. Anh-Ly heißt die Kleine, ein Name, den der halb-vietnamesische Vater ausgesucht hat, des hübschen Klanges wegen. Was die Silben bedeuten, das hat ihr allerdings erst kürzlich ein buddhistischer Mönch übersetzt. Und da hat es der Frau, die so gerne erzählt, dann doch für einen Moment die Sprache verschlagen. Denn: Anh bedeutet so viel wie funkelnd, glitzernd. Ly heißt Kristall.

Info: Die Firma Swarovski wurde 1895 vom böhmischen Auswanderer Daniel Swarovski im Tiroler Bergdorf Wattens gegründet. Von Anfang an war das Unternehmen auf zwei Säulen aufgebaut: Industriebedarf (z.B. Schleifscheiben) und Kristallschmuck (z.B. aufnähbare Borten mit Schmucksteinen). Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen optische Geräte wie Ferngläser und Teleskope dazu, in den Siebziger Jahren die Sammeltierchen. 1989 kam die erste Luxus-Kollektion von Schmuck und Accessoires unter der Marke „Daniel Swarovski Paris“ auf den Markt, 1995 eröffnete in Wattens die Dauerausstellung „Swarovski Kristallwelten“ mit Kunstwerken und Installationen rund um das Thema Kristall. Die jüngste Produktlinie, Design-Objekte von der Vase bis zur Skulptur, existiert seit 2002. Der Konzern beschäftigt rund 17000 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2005 einen Umsatz von 2,14 Milliarden Euro.

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