(Vital, November 2008)

Die Traum-Insel

Kein Gourmet-Restaurant, keine Disco, kein Fitnessstudio: Rügens kleine Schwester Hiddensee hat eigentlich nichts zu bieten – schon gar nicht im Winter. Und ist trotzdem wunderschön. Ein Schonprogramm für überreizte Seelen

Ich hätte gerne einen eigenen Leuchtturm. So einen weißen mit einer roten Mütze, auf den ich klettern kann, wenn ich mal wieder den Überblick verliere. Und aus der Vogelperspektive sieht dann alles ganz klar aus: Arbeit, Liebe, Zukunft. Die Idee für mein nächstes Buch. Vielleicht war’s genau dieser Wunsch, der mich im Winter nach Hiddensee verschlagen hat. Auf diese Insel hinter der Insel, 18 handtuchschmale Kilometer Natur, versteckt im Rücken von Rügen. Denn Hiddensee hat so einen Leuchtturm. Rot auf weiß thront er inmitten des Dornbusch, einer Hügellandschaft oberhalb der Ortschaft Kloster, umgeben von windgeformten Schwarzkiefern, Hagebutten- und Sanddornsträuchern. Hier, in 45 Metern Höhe, sieht alles wunderbar übersichtlich aus. Die Schaumkronen der Ostsee, im Westen die Klippen, steil abfallend zu kleinen Kiesbuchten. Die unbebauten Landzungen, auf denen im Herbst und Frühjahr Zugvögel Rast machen. Ganz hinten am Horizont die Windräder von Rügen und, blau verschwimmend, die Backsteinkirchtürme von Stralsund.
Weit, weit weg und sehr, sehr still – das ist Hiddensee. Vor allen Dingen von November bis März, wenn sich nicht täglich der Strom der Tagesausflügler durch die lehmigen Straßen schiebt. Dann fällt es erst so richtig auf, was es bedeutet, an einem autofreien Ort mitten im Meer zu sein. Es sind nur 350 Kilometer – aber weiter entfernt von Hamburg habe ich mich noch selten gefühlt. Statt dem 115er-Bus vor dem Schlafzimmerfenster weckt mich das Klirren der Masten im Hafen, direkt hinter meiner kleinen Pension. Jedes Lachen, jedes Rascheln in den Baumkronen, jeder Möwenschrei ist meilenweit zu hören. Und was für die Geräusche gilt, gilt auch für Gefühle und Gedanken: Wo wenig ist, wird jede Kleinigkeit wichtig. Wie lange ist es her, dass ich zuletzt einen Ast in die Hand genommen, mein Gesicht in den Regen gehalten, einen Traum aufgeschrieben habe?
Hiddensee ist Heilfasten für überreizte Seelen. Ist weniger und mehr zugleich. Wellness? An jedem Wintertag einmal an den Strand gehen, Schuhe ausziehen, bis zu den Knöcheln in die Brandung stellen – darauf schwört wenigstens meine Pensionswirtin Ulrike Kapp. Skandale? Dass der neue Dorfpolizist Fahrradfahrer anhält, weil ihm die Einkaufstaschen an den Lenkstangen nicht verkehrstauglich erscheinen, gibt den knapp 1000 Insulanern genügend Stoff für Wochen der Empörung. Politik? Die wird vor allem an Bord der Personenfähre gemacht. Denn jede zweite Woche tauscht Bürgermeister Manfred Gau das legere Jackett gegen die Kapitänsuniform und schippert Gäste und Einheimische zwischen Rügen und Hiddensee hin und her. Galerien? Die gibt’s – aber keine ist so beeindruckend wie der Weg an der nördlichen Steilküste entlang. Bizarr geformte, schwarzweiße Kalkbrocken thronen unterhalb der Klippen auf den Felsen, als hätte ein Hornbrille tragender Ausstellungsmacher sie arrangiert. Nur kunstvoller.
Natürlich bin ich nicht die erste, die auf der Suche nach dem Wahren, Guten und Einfachen auf Hiddensee gelandet ist. Was heute unter dem Schlagwort „Simplify your life“ zum Trend geworden ist, bewegte schon vor hundert Jahren die Gemüter. Und machte die Insel traditionell zu einem Treffpunkt der Sehnsüchtigen. Ob Stummfilmstar Asta Nielsen oder Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann – Künstler und Freigeister aller Art schätzten den Kontrast zu den hektischen Großstädten der Weimarer Republik, suchten nach Inspiration, lebten ihre heimlichen Liebesaffären. Später folgte DDR-Prominenz wie der Schauspieler Armin Müller-Stahl – nicht, um gesehen zu werden, sondern eher im Gegenteil. „Wenn die Fähre in Schaprode ablegte, ließ man ein ganzes Stück DDR zurück“, erinnert sich Kunsthistorikerin Christiane Wolff aus dem Insel-Hauptort Vitte.
Hiddensee blieben sie alle treu – Hauptmann, der neben der Dorfkirche von Kloster begraben liegt, feierte 1935 sogar „Goldene Hochzeit“ mit der Insel. Ein Rekord, den er mit keiner seiner beiden Ehefrauen aufstellen konnte. Der jährliche Arbeitsurlaub machte ihn nicht nur ruhig, sondern auch kreativ. „Unsere Nerven sind nicht eingeschläfert, sondern im Gegenteil seltsam aufgestört“, notierte er in sein Tagebuch. Schöner hätt’ ich’s auch nicht formulieren können. Aber ich bin ja auch keine Nobelpreisträgerin. Auf meine schriftstellernden Zeitgenossen übt Hiddensee übrigens denselben Sog aus: Kulturprominenz wie Martin Mosebach und Julia Franck geben sich die Klinke des Gästehäuschens im Garten der Hauptmann-Villa in die Hand. So weit wie diese beiden werde ich’s wohl kaum bringen. Aber ausgerechnet hier, auf den Spuren berühmter Vorgänger und aktueller Literaturpreisträger, lässt mich diese Gewissheit seltsam kalt. Macht mich weder traurig, noch stachelt sie meinen Ehrgeiz an. Berühmtheit? Auszeichnungen? Tantiemen? Egal – lieber würde ich mal wieder ein Gedicht zu Papier bringen. Auch, wenn’s keiner druckt.
Und sowieso: „Schweigen ist die größte Kunst“, kritzelte Gerhart Hauptmann in einer schlaflosen Nacht an die gelbe Wand über sein Bett. Das möchte ich jetzt auch: Still an einem zerschrammten Holztisch im Café „Wieseneck“ sitzen, heißen Sanddornsaft trinken, schreiben. Nichts literarisches, sondern nur meine Träume festhalten. Von Nacht zu Nacht werden die Bilder klarer und intensiver. So als schälten sich unter einem Müllberg alltäglicher Eindrücke endlich die Dinge heraus, die mir wichtig sind. Familie, zum Beispiel. Nicht nur von meiner 2jährigen Tochter habe ich geträumt, sondern heute zum ersten Mal von dem winzig kleinen Baby, das ich seit drei Monaten im Bauch trage. Gegen Morgen ist mir dieser Vierzeiler von Mascha Kaléko in den Sinn gekommen, dessen erste Worte als Werbe-Slogan für Hiddeensee dienen: „Man braucht nur eine Insel/allein im weiten Meer. Man braucht nur einen Menschen/ den aber braucht man sehr.“ Sehr einfach. Und einfach schön. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich Zeit, meinen Mann zu vermissen. Fühlt sich gut an.
Mein Nachmittagsprogramm: Tagträumen. Wie hat Christiane Wolff erzählt? „Wenn die Einheimischen von einem Landausflug zurückkommen, sagen sie als erstes: Lass uns mal aufs Meer schauen.“ Zwischen Dünen und Strandhafer hindurch schlängelt sich der Weg an der Westküste, entlang an einem Strand, der handtuchschmal beginnt und Kingsize-Bett-breit endet. Möwen begleiten mich mit aufgeregtem Kreischen, Wellen glitzern um die Wette, Muscheln warten auf einem Platz in meinen Taschen. Ein Strandspaziergang mit Déjà-vu-Effekt. Die schilfrohrgedeckten Häuser hinter dem Deich, die Schiffe am Horizont, all das wirkt wie aus ausgeblichenen Schnappschüssen lang vergangener Sommer herausgepurzelt. Hollandrad-Fahrer kommen mir entgegen, Fußgänger mit großen Hunden. Würde man jetzt ein Foto machen, es wäre schwer zu erraten, in welchem Jahr wir uns befinden: 2008? Oder 1908? Nur an den roten Windjacken der Radler ist es zu erkennen.
Es ist ein Kindheitsgefühl, das mich begleitet und nicht von meiner Seite weicht. Diese Erinnerung daran, wie es war, zum ersten Mal das Meer zu sehen. Die Unendlichkeit, die damals mit dem Gedanken an Ferien verbunden war. Sechs Wochen im Sommer, drei im Winter. Auf Hiddensee werde ich selbst wieder klein – und denke mit schlechtem Gewissen an meine Tochter. Wie oft habe ich sie weitergezerrt, wenn sie bei einem Spaziergang im Park ein Steinchen aufsammeln wollte? Und nun ist jeder meiner Schritte langsamer, aufmerksamer, bedächtiger als der letzte. Panorama- statt Tunnelblick. „Das Glück, so heißt es, ist eine Fundsache“, schreibt Günter Grass in seinen Hiddensee-Gedichten. Und der muss es wissen: Schließlich hat er hier seine Frau Ute aufgelesen, die Tochter des früheren Inselarztes.
Hinter Vitte muss ich mich entscheiden: Weiter am Wasser entlang, oder nach links in die Heide? Hinter einem Birkenwäldchen erstreckt sich freundliche Landschaft, hügelig und menschenleer. Mit Glück soll man hier gelegentlich einem Mufflon begegnen: Die natürlichen Rasenmäher wurden in den 80er Jahren aus Korsika importiert und hier ausgewildert. Vereinzelte lila Sprenkel im Heidekraut, als hätten manche Büsche noch nichts davon gemerkt, dass Winter ist. Geht eben alles einen langsameren Gang, auch in der Natur. Wahre Hiddensee-Fans, so hat Kurdirektor Alfred Langemeyer mir verraten, erkennt man an den Namen ihrer Töchter: Heide oder Erika. Ob das auch was für mein Baby wäre?
Weiter geht’s zu Fuß nach Neuendorf, dem letzten Ort vor der menschenleeren Insel-Südspitze, dem Gellen. Eine Handvoll weiße Schilfrohrhäuser, so großzügig auf dem platten Feld verteilt, als wären ein paar Klötzchen zufällig aus einer himmlischen Würfelzuckerpackung gefallen. Erst am Hafen werde ich wieder daran erinnert, dass ich mich auf einer Insel mit Kunstanspruch befinde: Holzplastiken von Mecklenburger Bildhauern rahmen die Boote ein, darunter jede Menge Fische und halbnackte Frauen. Nichts, womit man auf der documenta einen Blumentopf gewinnen würde. „Wir sind bodenständig, bescheiden, ein bisschen misstrauisch“, so hat Bürgermeister Gau gesagt. Und auf eine wohltuende Art altmodisch: Von Januar bis März gibt’s Herings-Spezialitäten, Gepäck wird in Handkarren zum Hotel transportiert, und Kunst ist eben gelungen, wenn sie schön aussieht.
Findet auch Willi Berger, den man liebe- und respektvoll den „Inselmaler“ nennt und dem ich am nächsten Tag in seinem Atelier begegne. In den 50er Jahren kam er als Vogelkundler nach Hiddensee, seit über 25 Jahren hat er sich ganz der Kunst verschrieben. Über 1000 Ölgemälde sind in der Zeit entstanden, darunter immer wieder der klassische Inselblick, von der Anhöhe auf dem Dornbusch bis ganz nach Süden. Noch immer geht der 85jährige bei Wind und Wetter mit seiner Staffelei in die Natur: „Wenn mich im Sommer die Mücken stechen und ich im Winter friere, wenn ich Durst habe oder Sehnsucht nach meiner Frau – das fließt alles ein in meine Bilder!“ Sogar die Unterlagen erzählen eine Geschichte: Der Dachziegel aus der Inselkirche, das Kopfteil eines Hotelbettes, in dem einst Albert Einstein bei einem Hiddensee-Besuch schlief, oder die alte Bücherkiste von Gerhard Hauptmann – gerne recycelt Berger solches Treibgut als Mal-Material. Am liebsten würde ich sofort eine Privatstunde bei dem alten Meister belegen. Mal nicht mit Worten umgehen, diesem abstrakten Code des Gehirns. Sondern mit Dingen, die man anfasssen und riechen kann: Farbe, Leinwand, Pinsel.
Vielleicht beim nächsten Mal. Meine Hiddensee-Tage gehen zu Ende, die langsam tickende Inselzeit in meinem Kopf nimmt wieder an Fahrt auf. In meinem Notizbuch werden die Seiten knapp. Alles voller Tagträume und Nachtbilder, und tatsächlich, sogar die Idee für einen neuen Roman ist dabei. Er spielt auf einer Insel – wo sonst? Morgen früh wird das Schiff in Vitte ablegen, und mit etwas Glück wird der pfeiferauchende Manfred Gau im Führerhäuschen stehen und mich wieder auf der Alltagsseite des Lebens absetzen. Um ein paar Sorgen leichter, um ein paar gesammelte Muscheln schwerer, um ein paar Gedanken reicher. Solches Gepäck nimmt man gerne mit.

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