(Hamburger Abendblatt, Dezember 2009)

Manchmal behaupte ich: Ich bin nicht Ulla Hahn

Die Schriftstellerin über rheinisches Temperament am Hamburger Hafen, göttliche Inspiration aus St. Georg und ihren neuen Roman „Aufbruch“

Es gibt diese Hamburger Dezembernachmittage, da sind nicht mal die Enten im Eichenpark gerne im Freien unterwegs. Fast versinken sie mit den Füßen in den matschigen Alsterwiesen, selbst die Trauerweiden wirken noch ein bisschen trauriger als sonst. Glücklich, wer an einem solchen Tag in einer der großbürgerlichen Villen in der Nachbarschaft zum Tee eingeladen ist. Vor allem, wenn die Schriftstellerin Ulla Hahn (63) den Tee serviert, zwischen japanischer Kalligraphie, moderner Kunst und Bücherstapeln. Eine so zierliche wie energische Person, die nicht viel Raum einnimmt, den Raum aber sofort beherrscht. Schon, wenn sie beim Reden elegant ihre Beine auf dem niedrigen Sofa ausstreckt. Ulla Hahn spricht in einem festen und dabei warmen Ton, dem man die rheinische Herkunft auch nach fast vier Jahrzehnten in Hamburg anhört – „Wort“, das klingt bei ihr immer ein bisschen wie „Wocht“. Nur einmal wird sie kurz unruhig: Als ich die gläserne Untertasse beinahe auf den Couchtisch abstelle statt auf dem Kork-Untersetzer. Peinlich.
Mit „Aufbruch“ hat Ulla Hahn kürzlich die Fortsetzung ihres Erfolgsromans „Das verborgene Wort“ vorgelegt, eine autobiographisch grundierte Geschichte über das bildungshungrige Arbeiterkind Hilla Palm. Darüber möchte ich mit ihr reden – aber auch über das Schreiben und das Leben als Exil-Rheinländerin unter Hanseaten. Denn ähnlich wie sie bin auch ich aus Süddeutschland gekommen und habe einen echten Hamburger geheiratet. Allerdings nicht halb so bekannt wie Ulla Hahns Mann, Ex-Oberbürgermeister Klaus von Dohnanyi (81). Einige Romane habe ich auch veröffentlicht. Leider weniger erfolgreich als meine Interviewpartnerin. Mal sehen – vielleicht kann ich ja etwas von ihr lernen?

Hamburger Abendblatt: Sie leben seit fast vierzig Jahren in Hamburg. Hat die Stadt eigentlich Ihr Schreiben geprägt – gibt es eine Art Hamburger Perspektive, aus der Sie die Welt betrachten?
Ulla Hahn: Ich bin nicht sehr abhängig von einem Ort. Sie könnten mich überall hinsetzen, so lange ich meinen Mann und mein Laptop dabei habe. Ich liebe Köln: Im Rheinland sind meine Wurzeln, dort habe ich studiert. Aber wer weiß, wenn ich heute dort leben würde, dann würde ich vielleicht ganz verklärt nach Hamburg zurückschauen. Wenn der HSV gegen den 1. FC Köln spielt, bete ich jedenfalls um ein Unentschieden!
HA: Ich bin ja auch Zugereiste, so wie Sie. Und wissen Sie, was ich an Hamburg liebe? Diese Vielfältigkeit! Allein, wenn man mit dem 15er Bus von einer Endhaltestelle zu anderen fährt – da haben Sie das großbürgerliche Othmarschen und das noble Pöseldorf, aber dazwischen auf kürzester Strecke die szenige Schanze, das studentische Grindelviertel....
Ulla Hahn: Ja, da haben Sie recht, das genieße ich auch sehr. Ich bin eine begeisterte Fußgängerin. Oft laufe ich an der Alster herunter bis nach St. Georg, wo ich im Mariendom eine Kerze anzünde. Dort kann ich zur Ruhe kommen, nachdenken über Gott und die Welt.   Oder ich gehe zu Fuß in die Schanze zum Kaffeetrinken, wieder eine ganz andere Welt. Einer meiner Lieblingsplätze ist Hummer Pedersen am Fischmarkt. Bei Hummersalat mit Reibekuchen, dichtgedrängt auf den Holzbänken, kommt man mit jedermann schnell in ein nettes Gespräch – da spüre ich fast ein bisschen Kölner Lebensgefühl.
HA: Werden Sie eigentlich auf der Straße erkannt?
Ulla Hahn: Manchmal. Vor allem, wenn ich irgendwo einen Fernsehauftritt hatte. Dann sprechen mich Menschen im Café an und fragen: Sind Sie Ulla Hahn? Je nach Lust und Laune sage ich manchmal ja – und manchmal auch nein.
HA: In Ihrem neuen Roman „Aufbruch“ kehren Sie zurück in die rheinische Provinz in den frühen 60er Jahren, zur bildungshungrigen Hilla Palm, die sich aus der geistigen Enge ihrer Umwelt befreit. Größer könnte der örtliche und zeitliche Kontrast zu Ihrem Leben heute kaum sein. Ist diese Distanz hilfreich?
Ulla Hahn: Das klingt, als hätte ich mir vorgenommen, das zu einem bestimmten Zeitpunkt zu schreiben. Es ist eher umgekehrt: Der Stoff hat sich eingestellt, als ich auch für ihn bereit war. Es haben ja schon in den siebziger Jahren Autoren literarisch mit der Generation ihrer Väter abgerechnet, das hätte ich nie gewollt. Aber ich wollte auch keine glatte Aufsteigerbiographie schreiben. Das Milieu, das meine Heldin hinter sich lässt, hat sie ja auch zu der gemacht hat, die sie ist. Es geht um eine Befreiung, aber gleichzeitig um einen schmerzlichen Abschied.
HA: Wie haben Sie sich an diese ferne Zeit angenähert – mit viel Recherche, alten Tagebüchern, oder einfach über die eigenen, inneren Bilder?
Ulla Hahn: Es gibt Schulhefte, ein paar Briefe, Anhaltspunkte. Aber die bleiben auch auf seltsame Weise fremd, beinah wie Erinnerungsstücke anderer Leute. Wertvoll waren die Gespräche mit meinem Bruder, der nur anderthalb Jahre jünger ist als ich und außerdem ein viel besseres Gedächtnis für Details hat. Und dann habe ich eine Menge recherchiert. Die 50er und 60er Jahre erscheinen aus heutiger Sicht oft so weit weg, so exotisch, als redeten wir vom 19. Jahrhundert.
HA: Und die inneren Bilder?
Ulla Hahn: Die sind nötig, damit die Phantasie überhaupt in Bewegung gerät. Aber die Fakten müssen dennoch stimmen. Zum Beispiel spielte im Leben der Frauen meiner Familie der Quelle-Katalog eine große Rolle. Eine Szene des Romans zeigt die Frauen bei einer gemeinsamen Lektüre. Erstes Englisch schleicht sich da in die Seiten ein. Erste Hosenanzüge. Wußten Sie, dass Esther Ofarim noch 1967 aus der Bar des Hamburger Atlantic Hotels gewiesen wurde weil sie einen Hosenanzug trug? Und dann diese unglaublichen Korsettkonstruktionen! Besser kann man die damalige Zeit, ihre Enge und den Aufbruch daraus kaum illustrieren. Egal ob in Köln, Hamburg oder in der Schweiz: Wenn ich meine Lesungen mit dieser Szene abschließe, wird immer gelacht. Es ist auch ein Lachen der Befreiung.
HA: Könnten Sie Ihr eigenes Leben auch als Fundus für Ihre Literatur nutzen, wenn Sie nicht aus Ihrer Heimatgegend weggegangen wären?
Ulla Hahn: Nein, mit Sicherheit nicht. Ich brauchte den räumlichen und  den zeitlichen Abstand – und zugleich das Gefühl, festen Boden unter den Füßen zu haben.
HA: Biographische Themen literarisch zu verarbeiten ist ja in letzter Zeit sehr en vogue – Krankheitsgeschichten, das Sterben der Eltern, das sind Themen, aus denen vor allem Journalisten sprachlich anspruchsvolle, erzählende Bücher machen. Interessiert Sie diese Art von Direktverwertung?
Ulla Hahn: Nein, so würde ich niemals vorgehen. Da könnte ich ja genau so gut Tagebuch oder Memoiren schreiben. Außerdem hat es so einen voyeuristischen Beigeschmack, den möchte ich vermeiden. Die literarische Herausforderung ist doch, Fakten und Fiktion so zu überblenden, dass dabei etwas Neues entsteht. Hilla Palm ist nicht Ulla Hahn.
HA: Aber trotz Ihres erzählerischen Kunstgriffes werden Sie doch wahrscheinlich andauernd für Hilla gehalten...
Ulla Hahn: Die wenigsten Leser trennen das Ich auf dem Papier vom Ich des Autors in der Wirklichkeit. Das weiß ich, seit ich die ersten Gedichte veröffentlicht habe. Dabei geht es gar nicht darum, was der Autor erlebt hat, sondern was ein Gedicht oder Roman zu sagen hat. Ich wünsche mir einen aktiven Leser, der sich und sein Leben zu dem meiner Heldin Hilla Palm in Beziehung setzt. Einer, der Lust bekommt, über sich nachzudenken, nicht über den Autor.
HA: Aber Sie betonen immer wieder, dass die Geschichten einen autobiografischen Kern haben.
Ulla Hahn: Das ist richtig. Hilla Palm ist mir in vielem sehr ähnlich. Ich könnte alles erlebt haben, das sie auch erlebt hat – ich habe aber nicht alles so erlebt. Auch die Figuren um sie herum, ihre Eltern, ihr Bruder, sind den lebendigen Vorbildern nahe – andere wieder sind zusammengesetzt aus verschiedenen Personen. Lustigerweise sind es meist die Menschen, an die man beim Schreiben nie gedacht hat, die später meinen, sich wiederzuerkennen.
HA: Wie gehen Sie denn mit der Verantwortung um, die Sie realen Personen gegenüber beim Schreiben haben? Gerade Hilla Palms Familie besteht ja nicht nur aus Lichtgestalten – und keiner möchte doch gerne als kleingeistig und engstirnig porträtiert werden...
Ulla Hahn: Mir war es immer wichtig, dass alle ihre Würde behalten. Auch und gerade, wenn ich von den so genannten Kleinen Leuten erzähle. Weder sollen sie mit billiger Sozialromantik überhöht noch als Karikatur gezeichnet werden. Ich möchte meinen Figuren Gerechtigkeit widerfahren lassen. Egal, ob sie reale Vorbilder haben oder komplett erfunden sind.
HA: Nach Ihrem umfangreichen Roman ist gerade eben auch die Novelle „Alsterlust“ erschienen – eine Hommage an Ihre eigene Nachbarschaft?
Ulla Hahn: Die Anregung kam von Wilfried Weber dem Buchhändler von Felix Jud am Neuen Wall.  Schon mit Peter Rühmkorf und Horst Jansen hat er wunderschöne Kunstbücher herausgebracht. Diesmal machen Klaus Fußmann, Friedel Anderson und Till Warwas mit. Ich will nicht zu viel verraten, aber es spielen viele lebende und tote Hamburger Dichter darin eine Rolle, von Klopstock über Rühmkorf bis Lotto King Karl. Es ist eine komische und auch ein bisschen gespenstische Liebesgeschichte.
HA: Wem geben Sie Ihre Manuskripte eigentlich als erstes zum Lesen? Oder braucht eine so erfahrene Schriftstellerin wie Sie kein Feedback, ehe Sie den Text an den Lektor schickt?
Ulla Hahn: Doch. Je länger man schreibt, desto genauer kennt man seine Schwächen. Wenn dann meine ersten Leser, mein Mann, mein Bruder, meine Kölner Schwägerin diese Schwachstellen entdecken, wird geändert. Und gestrichen! Die Kunst des Schreibens ist die Kunst des Streichens, sage ich immer.
HA: Wie geht es weiter mit Hilla Palm – ist ein dritter Band geplant?
Ulla Hahn: Ja. Als nächstes ist die Zeit der 68er dran, der gesellschaftliche Aufbruch. Und dieses Mal soll es auch eine richtig schöne Liebesgeschichte geben.
HA: Zwischen Hilla und....?
Ulla Hahn: den Namen halte ich noch versteckt.
HA: Warum?
Ulla Hahn: Die sympathischen Männerfiguren in meinen Büchern kriegen ihren endgültigen Namen immer erst am Schluss.

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