(ELTERN, August 2010)

Das große Zweifeln

Bis 2013 soll jedes dritte Kleinkind in Deutschland einen Betreuungsplatz in einer Krippe bekommen. Nun meldet eine neue, kluge Riege von Experten Bedenken an: Tut das den Kleinen wirklich gut? ELTERN-Autorin Verena Carl, selbst Mutter eines Krippen- und eines Kindergartenkindes, über gemischte Gefühle und harte Fakten

Es war einmal ein kleines Mädchen, das musste jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag Morgen weinen. Wenn die Tür der Krippe hinter ihr zugegangen war, half ein paar Minuten lang gar nichts, weder der liebevolle Arm einer Erzieherin noch der Plüschfrosch von zu Hause. Ihre Mutter stand so lange vor dem Eingang und kaute auf ihren Fingernägeln, bis das Weinen aufhörte. Manchmal rief sie später noch einmal an. Alles super, sagten die Erzieherinnen, hörst du das Lachen im Hintergrund? Das ist Helen.
Es war einmal ein kleiner Junge, der musste jeden Freitag morgen weinen. Seine Mutter hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn schon ab seinem ersten Geburtstag vier Tage pro Woche in der Krippe abgab. Aber unglücklich war Henri immer nur am einzigen Morgen: freitags, wenn seine große Schwester sich den Kindergartenrucksack aufsetzte und er zu Hause bleiben durfte. Oder soll man sagen: musste?
Die beiden Kinder tauchen in keinem Bericht der Bundesregierung zum Ausbau der Krippenplätze auf. Sie sind nicht Gegenstand sozialwissenschaftlicher Studien. Und sie stammen auch nicht aus einem modernen Märchen. Helen ist meine Tochter. Henri ist mein Sohn.
In letzter Zeit muss ich häufig an diese beiden unterschiedlichen Krippen-Premieren denken. Denn es scheint, dass die öffentliche Diskussion derzeit in eine neue Runde geht. Weg vom fröhlichen Zweckoptimismus der Ära von der Leyen, in der Krippenerziehung zum idealen Bildungs-Frühstart für alle hochstilisiert wurde – und hin zu kritischeren Tönen. Das unangenehme daran: Ich kann sie nicht mehr so leicht ignorieren wie früher. Denn sie kommen nicht mehr nur vom niederbayerischen CSU-Stammtisch oder vom katholischen, kinderlosen Talkshow-Gast. Sondern auch von differenzierten Menschen, die nicht die vermeintlich heile Welt der 50er Jahre zurück haben wollen. Die nicht von Apfelkuchenmüttern träumen und Vollverdiener-Feierabend-Papas. Aber die unseren Kindern einen guten Start ins Leben wünschen.
Beispiele gibt es genug. Da plädiert der sonst so skandinavisch-lockere Ratgeber-Autor Jesper Juul dafür, Kinder unter zwei Jahren ausschließlich zu Hause zu erziehen. Weil der Stress der Trennung schädlich sein könnte für die Hirnentwicklung. Da weist der streitbare Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann immer wieder darauf hin, dass es der Politik beim Krippen-Ausbau (das Ziel: 300.000 neue Plätze bis 2013) nicht in erster Linie um das Wohl des Kindes geht. Sondern eher um einen reibungslos funktionierenden Arbeitsmarkt. Und die Hamburger Psychoanalytikerin Ann-Kathrin Scheerer stellt gar einen Zusammenhang her zwischen früher Fremdbetreuung und psychischen Krankheiten: „Frühe Bindungsstörungen, Hilfslosigkeits- und Verlassenheitserfahrungen können eine Vielfalt von Spätfolgen haben, etwa Depressionen.“
Diese modernen Mahner machen es sich selbst nicht leicht – und uns Müttern auch nicht. Ann-Kathrin Scheerer behauptet ja nicht, dass Krippenkinder im Erwachsenenleben automatisch zu Therapie-Kandidaten werden. Sie stört etwas anderes: „Es geht in der Diskussion viel zu sehr um Machbarkeit. Jeder Mittelständler, der auf sich hält, schafft Krippenplätze im Firmenkindergarten. Dabei wird übersehen, dass eine längere Trennung sowohl für ein Kleinkind als auch für seine Mutter eine schwierige Anpassungsleistung ist und vor allem das Kind viel Verständnis und Trost braucht.“ Das Problem sei nicht der Abschied selbst, eher der Umgang damit. Natürlich würden Krippenkinder, anders als etwa in ehemaligen Ostblockstaaten, nicht grob vernachlässigt – aber trotzdem müssten sie oft zu früh lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken. „Kinder, die wenig gegen die Trennung protestieren, sind für die Erzieher verständlicherweise besonders pflegeleicht. Dabei sind es oft gerade diese vermeintlich einfachen Kinder, die am stärksten unter der Abwesenheit der Mutter leiden und früh die Erfahrung machen, dass ihre stille Trauer nicht wahrgenommen wird.“
Und es stimmt ja: Es ist nicht einfach. Für keinen. Zwei Drittel aller ELTERN-Leser geben in einer online-Umfrage zu: Ja, wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir unser Kleinkind morgens in der Tagesbetreuung abgeben. Manchmal, oder sogar oft. Zu Recht? Zu Unrecht? Was sagt die Wissenschaft? Gibt es sie, die eine, alles erhellende Studie, die einen Beweis bringt, dass Krippe nützt? Oder schadet?
Fangen wir mit der guten Nachricht an: Es findet sich keine wissenschaftlich fundierte Untersuchung, die ernsthaft negative Spätfolgen für Krippenkinder voraussagt. So hat etwa das schwedische Gesundheitsministerium im vergangenen Jahr mehr als 60 internationale Studien ausgewertet. Am aussagekräftigsten: die NICHD-Studie aus den USA, in der Sozialwissenschaftler über einen Zeitraum von 1991 bis 2006 die Entwicklung von über 1000 Krippenkindern in verschiedenen Bereichen wie Sprachentwicklung, Sozialverhalten und Intelligenz überprüften. Eine ähnliche Langzeit-Forschung gab es an der Universität Göteborg. Der großangelegte Vergleich ergab: Kita-Frühstarter haben tendenziell die Nase vorn, was die geistige Entwicklung angeht – in anderen Bereichen kommen die Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen. Mal heißt es, Krippen-Kinder litten unter einem höheren Stress-Level, dann wieder bekommen sie bessere Noten für ihr Sozialverhalten als Gleichaltrige.
Und jetzt die schlechte Nachricht: Diese kleinen Unterschiede interpretiert jeder so, wie sie ihm in den Kram passen. Politisch und ideologisch. So wurde vor allem ein Teilergebnis der NICHD-Studie in Presse und Fachwelt heiß diskutiert: Beim Übertritt in den Kindergarten waren Krippenkinder etwas aufmüpfiger im Gegensatz zu denen, die vorher zu Hause betreut wurden. Aber was heißt das nun? „Krippe macht aggressiv“? Oder „Krippenkinder entwickeln sich zu durchsetzungsstarken, selbstbewussten Persönlichkeiten?“ Und: Macht es nicht genau so einen Unterschied, ob ein Dreijähriges mit zwei großen Brüdern aufwächst oder als umsorgtes Einzelkind?
Genau das macht Prognosen so schwierig: Nicht nur jedes Kind ist anders, auch jede Lebenssituation. Ann-Kathrin Scheerer betont: „Es macht einen enormen Unterschied, wie alt das Kind bei seiner Eingewöhnung ist, wie viele Stunden am Tag es in der Krippe verbringt, wie viele Kinder auf eine Erzieherin kommen – und auch, wie die Beziehung zu den wichtigsten Bezugspersonen ist.“ Manchmal, da sind sich fast alle Experten einig, ist Krippe sogar die beste Lösung: wenn die eigenen Eltern ihrem Kind keine ausreichend liebevolle und anregende Umgebung bieten können.
Kritiker zeichnen gerne das Bild eines hilflosen Fast-Neugeborenen, das von morgens bis abends in einer schlecht ausgestatteten Kita mit miserablem Betreuungsschlüssel ausharren muss. Diese Fälle sind aber tatsächlich eine kleine Minderheit. Neue Instrumente wie das Elterngeld sind ja tatsächlich ein Segen, um sich wenigstens das erste Jahr zu Hause auch leisten zu können. Nehmen wir beispielsweise Hamburg, Stadt-Staat mit der höchsten Krippen-Quote in den alten Bundesländern – fast jedes vierte Kind unter drei wird hier auch außer Haus betreut. Im Bezirk Altona, in dem wir wohnen, sind aber lediglich sieben Prozent der Krippenkinder jünger als ein Jahr. Und nur 17 Prozent aller Minis verbringen mehr als acht Stunden täglich bei ihren Erziehern, während ein Drittel mit vier bis sechs Stunden auskommt.
Zurück zu meiner eigenen Familie. Henri hat in seinem ersten Krippenjahr genau drei Mal beim Abschied geweint, Helen fast jeden Morgen. Andererseits: Nach fünf Minuten Schmerz war sie sechs bis acht Stunden fröhlich. Was wiegt schwerer? Und was wäre die Alternative gewesen? Ich mag meine Arbeit, mein Mann mag seine. Und keiner von uns verdient allein genügend Geld, um im teuren Hamburg eine vierköpfige Familie zu ernähren. Wenigstens, wenn es Bio-Bananen statt Discounter-Nudeln sein sollen und die nette Altbauwohnung in Elbnähe. Dafür haben unsere Kinder etwas, das andere nicht haben: Mutter und Vater, die ab vier Uhr nachmittags mit ihnen auf den Spielplatz, ins Schwimmbad oder ins Museum traben können. Weil wir, während Henri halbnackt mit Fingerfarben manscht, nicht nur am Schreibtisch sitzen, sondern auch zum Großeinkauf oder in die Autowerkstatt fahren. Weniger Zeit – dafür mehr „Quality Time.“
Keine Frage: Eine Mutter mit Zeit, Spaß und finanzieller Unabhängigkeit kann das auch zu Hause bieten. Die Frage ist, ob das Lebensglück ihres Kindes davon abhängt. Und ob sie es schafft, dabei auch noch ständig sensibel, aufmerksam und ausgeglichen zu sein – oder ob es manchmal auch ganz entlastend ist, wenn man nicht ständig auf Empfang sein muss. Heidi Keller, Entwicklungspsychologin und Kleinkindforscherin, kommt zu dem beruhigenden Schluss: „Es gibt nicht die beste Art der Betreuung für ein Kleinkind – das kommt immer auf den Kontext an, auf Familie und Kultur, in der das Kind lebt.“ Selbst unsere Vorstellung von Naturvölkern, so Keller, ist oft ein Klischee: Sogar im ländlichen Afrika finden sich Gegenden, in denen Kleinkinder nach der Stillphase viel von älteren Geschwistern, Vätern oder sogar entfernten Verwandten betreut werden. Ohne, dass darunter ihre Bindung an die Mutter leidet – weder auf dem Dorf in Kamerun noch im deutschen Ballungsgebiet. Keller: „Ein Krippenkind akzeptiert seine Erzieherin als Spielpartnerin, es sieht sie nicht als Mutter-Konkurrenz.“
Dennoch: Ein Rest von Unbehagen bleibt. Iris Radisch, Feuilletonchefin der ZEIT, schreibt in ihrem Buch*: „Ich habe in der Kleinkindphase meiner Töchter voll gearbeitet und weiß bis heut nicht, ob das gut oder schlecht war. Mein Gefühl sagt mir, dass es einer Tochter kaum, einer ziemlich und einer gar nicht geschadet hat, je nach Temperament und Lebenslage. Sicher bin ich mir nur in einem: Es gibt auf diese Frage keine richtige Antwort für alle.“
Sie spricht mir aus dem Herzen. Auch mir kann niemand eine Unbedenklichkeitserklärung für mein Leben ausstellen. Aber: Erwachsen sein bedeutet auch, Widersprüche und Unsicherheiten aushalten zu müssen. Und sich dennoch zu entscheiden. Weil Familie ein System kommunizierender Röhren ist, in dem jede Entscheidung Einfluss auf alle hat. Weil es dort, wo verschiedene Interessen aufeinanderprallen – Geld und Liebe, Zeit füreinander und Zeit für sich selbst – immer nur zweitbeste Lösungen gibt.
Ich bin keine perfekte Mutter. Aber ich liebe meine Kinder, so gut ich es kann. Irgendetwas werden sie mir später mit Sicherheit vorwerfen, das tut jedes Kind. Vielleicht die frühe Krippe. Vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Meinen Apfelkuchen jedenfalls nicht. Der ist nämlich gar nicht so übel.
*Iris Radisch: „Die Schule der Frauen – wie wir die Familie neu definieren“, als TB bei Goldmann, 7,95 Euro

Von Dauer-Husten bis Wandzeitung: Entscheidungshilfen für Eltern
Krippe ja oder nein – und wie profitieren alle davon? Fünf drängende Fragen aus dem Alltag

Ist eine Krippe für jedes Kind eine gute Betreuungslösung?
Jein. Tatsächlich, so sagen Experten, können Kinder ab etwa 18 Monaten von den vielfältigen Angeboten und dem Gemeinschaftserlebnis profitieren – früher muss Krippe keinesfalls schaden, nutzt aber eher den Eltern als dem Kind selbst. Ist ein Kind überfordert, zeigt sich das auf verschiedene Weise: manche reagieren mit Schlaf- und Ess-Problemen, andere lassen sich von Erziehern schwer trösten. Umstritten ist, ob auch eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen seelische Ursachen haben kann (sagen manche Psychologen) oder eher an der höheren Ansteckungsgefahr durch andere Krippenkinder liegt (sagen Kinderärzte).

Was tun gegen den Abschiedsschmerz?
Erzieherinnen haben die Faustregel: Je überzeugter Mutter und Vater von ihrer Entscheidung sind, je positiver sie beim Abschied sind, desto mehr Sicherheit vermitteln sie dem Kind – und desto schneller gewöhnt es sich in der neuen Umgebung ein. Klingt plausibel, wird aber von Psychologen teils kritisch gesehen. Die argumentieren anders herum: dem Kind seinen Schmerz zugestehen, Verständnis zeigen für die schwierige, neue Situation, vor allem in der Eingewöhnungsphase – und in der gemeinsamen Zeit besonders viel Trost und Nähe geben.

Was soll eine gute Krippe bieten?
Mit am wichtigsten ist der Personalschlüssel – im Idealfall maximal vier Kinder zwischen einem und drei Jahren pro Erzieher(in), wobei jedes Kind eine feste Bezugsperson hat. Weitere Checklisten, etwa zu Ausstattung und Konzept, kann man sich auf verschiedenen Websites zum Thema anschauen, etwa die Seite der „Liga für das Kind“ (www.fruehe-tagesbetreuung.de)

Wie war dein Tag, mein Kleines? – der Austausch mit den Erziehern
Kinder unter drei können noch kaum von ihrem Tag erzählen – um so wichtiger ist die Kommunikation. Regelmäßige Elterngespräche sind ohnehin ein Muss, viel wichtiger sind aber kreative Alltagslösungen. Etwa: Eine Wandzeitung in der Krippe, auf der Erzieher täglich festhalten, was sie gespielt und gesungen haben, welche Kinder sich für was besonders interessiert haben. Ein Tagebuch, in dem für jedes Kind nachzulesen ist: Wie hat es geschlafen und gegessen, gab es Besonderheiten? Ebenfalls eine schöne Idee: Regelmäßige Foto- und Film-CDs für die Eltern mit Aufnahmen aus dem Krippen-Alltag oder ein monatlicher Tag der Offenen Tür, an dem die Eltern nach dem Abholen noch ein bisschen bleiben und ihr Kind beim Spielen in der Krippe beobachten können.

Was gibt es für Alternativen zur Krippe?
Tagesmütter betreuen oft weniger Kinder als Krippen-Erzieher – dafür müssen sie nebenbei meistens auch noch ihren eigenen Alltag organisieren. Und: Für kleine Kinder kann der Wechsel der Tagesmutter häufig belastender sein, als wenn in einem festen Team eine der Erzieherinnen den Job wechselt. Eine gute Kombi-Lösung sind mehrere Tagesmütter, die gemeinsam eine Spiel-Wohnung anmieten: meistens kleinere Gruppen als in staatlichen Kitas und keine Engpässe bei Krankheit oder Urlaubszeiten, dafür meistens etwas teurer.

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