J. L.

Erstmals erschienen in der Allegra 11/2001 (2. Platz beim Kurzgeschichtenwettbewerb)

Elf Jahre alt zu sein ist eine Strafe. Beim Bäcker schenkt mir keiner mehr Kekse. Wenn ich zu oft an den Wohnzimmerschrank gehe, legt Mama keine mehr nach. Und wenn ich selbst welche kaufe, habe ich kein Taschengeld mehr für Comics übrig.
   Es ist Mittwoch nachmittag, ich liege auf meinem Bett und flechte Zöpfe aus den Fransen meiner karierten Wolldecke. Seit ein paar Monaten wachsen unter meinen Brustwarzen winzige Knoten, die ich immer wieder mit zwei Fingern von den Rippen abhebe. Es tut weh, aber ich kann nicht damit aufhören. Ich wüsste gerne, ob sich das bei anderen Mädchen auch so anfühlt. Aber wen sollte ich fragen? Freundinnen habe ich keine.
   Mein Mund schmeckt nach Zahnarzt, nach einer grünen Paste mit Pfefferminzaroma und einer Spur Blut von einem Kieferabdruck. Der Geschmack verschwindet nicht, dabei esse ich seit einer halben Stunde Kekse mit Nougatfüllung aus Goldpapier und mache braune Fingerabdrücke auf den Seiten meines Lucky Luke-Heftes. In vier Wochen soll ich eine feste Zahnspange bekommen.
   Um sieben Uhr kommt Mama nach Hause. Schon in der Wohnungstür küsst sie mich und drückt mir etwas in die Hand. "Erinnerst du dich an den Sänger, der neulich abend im ‚Musikladen' aufgetreten ist? Schau mal, was ich dir mitgebracht habe." Ich ziehe eine Platte aus der knisternden Tüte vom Musikhaus Jensen. Auf der Hülle ist das Foto eines dunkelhaarigen Mannes im Karohemd abgedruckt. Er hat die Hand lose auf die Rundung seiner Gitarre gelegt. Ich mag seine Augen. In der Fernsehshow saß er auf einem Barhocker auf der Bühne, nur mit seinem Instrument im Arm. Das hat mir gefallen, besser als die anderen in ihren bunten Anzügen und mit ihren Vogelnestfrisuren. Richtig freuen kann ich mich aber nicht, denn irgend etwas hat Mama zu verbergen. Sonst würde sie mir nicht etwas so etwas Teures schenken, ohne Anlass.
   Ich lasse die Tüte auf der Anrichte im Flur liegen und bringe die Platte in mein Zimmer. Dann gehe ich nachsehen, was Mama macht. Sie steht vor dem Hängeschränkchen im Bad und klemmt sich ein Kleenex zwischen die dunkelrot ausgemalten Lippen. Ihr Pullover liegt über der Lehne eines Klappstuhls. Sie hat eine silberne Bluse übergezogen, aber noch nicht zugeknöpft. Darunter trägt sie einen schwarzen BH mit einer Schleife in der Mitte.
   "Gehst du etwa noch aus?"
   Mit einem Schmatzen löst sie ihren Mund von dem Tuch, auf dem jetzt ein Kuss klebt. "Hör mal, Anja", sagt sie und sieht mein Spiegelbild an, "sei mir nicht böse, aber ich muss in einer halben Stunde wieder weg."
   Wahrscheinlich steckt schon wieder ein Mann dahinter.
   Es ist mir ein Rätsel, was sie an ihnen findet. Schließlich ist sie nicht mehr jung. Fast 35. Manchmal sagt sie zu mir, ich bräuchte einen Vater, einen richtigen Vater. Dabei weiß ich nicht einmal, was ich mit meinem eigenen anfangen soll. Besucht hat er uns nur einmal, da war ich noch klein. Er trug mich beim Spazierengehen auf seinen Schultern und ich hatte Angst, er könnte mich dort oben vergessen. Deshalb hielt ich mich an seinen Locken fest und zog ab und zu daran. Das mochte er gar nicht. Zu meinem Geburtstag schickt er Karten mit eingestanzten Glückwünschen, die er mit seinem Vornamen unterschreibt. Ich hebe sie nicht auf, es ist sowieso jedes Jahr fast die gleiche.
   Der letzte Mann, der bei Mama ein- und ausging, stand immer im Wohzimmer herum, als sei er ein Möbel, das die Packer abgestellt und vergessen hatten. Wenn er da war, war sie mir fremd. Immerzu warf sie beim Lachen den Kopf in den Nacken und riss den Mund auf, oder sie nahm ihn in die Arme und wiegte sich hin und her, als würden sie zu langsamer Musik tanzen. Ich war froh, als er nicht mehr kam, obwohl sie danach eine Zeitlang schwer zu ertragen war. Abends vor dem Fernseher drückte sie mich an sich und sagte Dinge wie "Nicht wahr, Schätzchen, wir haben uns, wir brauchen keinen, der uns quält." Hoffentlich geht das jetzt nicht wieder von vorne los. "Kommst du spät?" frage ich. Sie wiegt den Kopf.
   "Wenn du möchtest", sagt sie schließlich, "kannst du deine neue Platte im Wohnzimmer hören. Auf meiner Stereoanlage."
   Gitarrenmusik, eine warme Stimme. Ich sitze auf dem Sofa, der grobe Wollstoff kratzt meine Haut durch die Schlafanzughose hindurch. Ich spiele mit meinen Zehennägeln und sehe mir noch einmal das Foto auf dem Cover an. Jochen Liebherr blickt über sein Instrument hinweg in eine unbestimmte Ferne und hat die Spitze seines Cowboystiefels auf die Lehne einer Parkbank gestützt. Das Innere der Plattenhülle sieht aus wie eine Seite aus einem Familienalbum. Liebherr zusammen mit einer Frau im weißen Kleid, die an einem Stück Melone lutscht, Liebherr beim Picknick im Park, mit der Gitarre auf einem Cordsofa. Auf einem der Bilder beugt er sich über ein Gitterbett. Darin liegt ein schlafendes Kind, die Augen geschlossen, einen Zipfel der Bettdecke im Mund. Auf der Rückseite der Platte sind die Titel der Lieder gedruckt, darunter eine Widmung. Für meine Tochter Jessica und meine Frau Janine, in ewiger Liebe.
   Als mich Mama später am Abend weckt, die Wangen gerötet, die Lippen ohne Farbe, dreht sich die Platte noch immer knackend im Kreis. Mama lacht und kitzelt mich in den Kniekehlen. Ihre Aussprache ist verschwommen. "Magstewohl, die Musik? Dachtichmirdoch." Sie riecht nach Wein und noch nach etwas anderem, schmutzigem. Ein bisschen wie Klo. Ich biege ihre Finger auseinander, löse mich aus ihrem Griff.
   Am nächsten Morgen beim Frühstück frage ich sie, ob ich Gitarrenstunden nehmen darf. Sie schwenkt träge ein Wasserglas, aus dem weißliche Schaumblasen aufsteigen und nickt. "Bin ja froh, wenn du mal was mit anderen Kindern machst. Aber nur, wenn's nicht zu teuer ist", nuschelt sie.
   Aus dem Musikhaus Jensen bringt sie mir ein paar Tage später eine gebrauchte Gitarre mit und und meldet mich für die Anfängergruppe im Haus der Jugend an. In den nächsten Wochen mache ich ihr keine Vorwürfe mehr, wenn sie nachts spät nach Hause kommt. Hauptsache, sie bringt mir ab und an etwas von Jochen Liebherr mit. Den Zusammenhang erkennt sie schnell und so besitze ich bald drei LPs und eine Cassette mit Live-Aufnahmen.
   Irgendwann bleibt sie zum ersten Mal über Nacht weg. Erst um halb sieben höre ich das Geräusch des Schlüssels in der Tür. Als sie kommt um mich zu wecken, stelle ich mich schlafend. Beim Frühstück springt sie immer wieder auf, kehrt mir den Rücken zu, hantiert fahrig mit einer Filtertüte. Ihre Bluse ist voll weißer Fusseln. Neben meinen Cornflakesteller hat sie ein Taschenbuch mit Liedtexten und Noten gelegt. "Jochen Liebherr - die ganze Geschichte." Auf einem doppelseitigen Foto vor dem Vorwort küsst er Janine. Sie trägt ein weißes Kleid und hat eine breite Schleife um ihren hochschwangeren Bauch gebunden. Auf der letzten Seite des Buches steht eine Biografie, Geburtstage, Hochzeitstag, ganz unten seine Adresse. Jochen Liebherr c/o Mellow Music GmbH, Parkstraße 30, 2000 Hamburg 52. Sogar eine Telefonnummer ist dabei: 040/8980. Ich dachte, die Nummern in großen Städten wären länger.
   Bevor ich meine Schultasche packe, nehme ich den Kalender von der Wand über meinem Schreibtisch. Auf den Bildern sind Mädchen in rosa Kleidern, die Hündchen die Flasche geben oder sich von pausbäckigen Jungen küssen lassen. Ich schlage noch einmal nach, dann umkringele ich die Geburtstage Jessicas und Janines mit rotem Filzstift. Neben den 15. Mai trage ich Jochen ein, mit einem einzigen Schwung, ohne abzusetzen. J und L, symmetrisch nebeneinander. Der Schriftzug sieht aus wie ein neuer Buchstabe, ein geheimes Zeichen, mit dem ich mein Revier markiere. Seit Wochen schreibe ich es auf Holzpulte, auf die Innenseiten meiner Heftumschläge, ich kratze es mit dem Zeigefinger in die Stoffbespannung von S-Bahn-Sitzen, male es auf beschlagene Autofenster. Als ich mich umdrehe, steht Mama in der Tür. Sie zupft helle Flusen von ihrem Ärmel.
  "Was trägst du denn da ein?"
   "Geburtstage." Sie mustert das oberste Kalenderblatt. In ein paar Wochen wird sie 35.
   "Und was ist mit meinem?", fragt sie.
   Die Gitarrenstunden laufen nicht besonders gut. Die anderen in meiner Gruppe sind schon 14 oder 15, tragen Palästinensertücher und fadenscheinige Cordhosen und wollen lieber die Akkorde für Lieder von Joan Baez oder Bob Dylan lernen. Jochen Liebherr finden sie ätzend. "Reaktionärer Scheiß", sagt ein Mädchen. Ihre Fingernägel sind schwarz lackiert. Ich wage nicht zu fragen, was das Wort bedeutet. Auf jeden Fall nichts Gutes.
   So übe ich Jochens Lieder allein zu Hause, bis die Fingerkuppen meiner linken Hand wund werden. Manchmal fahre ich mit dem Bus zwei Haltestellen bis zu einem Supermarkt, in dem die Kassiererinnen das Zeitschriftenregal nicht im Blick haben. Dort kann ich ungestört blättern und nach Artikeln über ihn suchen. Bei Rewe, wo meine Mutter immer hin geht, können mich die Verkäuferinnen zu gut beobachten. Einmal haben sie mich gezwungen, ein "Goldenes Blatt" zu kaufen. Obwohl gar nichts über ihn drinstand. Angeblich hatte ich Fettflecke auf die Seiten gemacht. Eine Mark sechzig, fast der ganze Rest meines wöchentlichen Taschengeldes. Davon hätte ich eine große Packung Orangenkekse mit Schokoladenüberzug kaufen können.
   Am folgenden Donnerstag bringt die "Frau im Spiegel" eine große Geschichte mit doppelseitigen Bildern. Jochen reibt seine Nase an der Wange Janines, hat dabei seine Hand auf das Köpfchen Jessicas gelegt. Liebesurlaub in der Toskana, steht darunter. Der sensible Künstler sammelt Ideen für ein neues Album. Liebherr: "Meine Familie ist die schönste Quelle der Inspiration.".
   Als ich wieder nach Hause komme, das glänzende Heft im Arm, brennt hinter dem Küchenfenster Licht. Der weiße Golf meiner Mutter parkt vor dem Haus. Dabei ist es erst kurz vor fünf. Vor der Wohnungstür bleibe ich stehen und lausche. Ihre Stimme ist hell und laut, sie lacht.
   Es ist also wieder so weit.
   Der Mann auf dem Sofa trägt Anzug und Krawatte, hat Schweißperlen auf der Stirn, als er sich erhebt um mir die Hand zu geben. "Anja! Ich habe schon viel von dir gehört!" Auf dem Couchtisch stehen zwei kleine Gläser mit einer dunkelgelben Flüssigkeit. Sein Handrücken ist voller dunkler Härchen. Der oberste Blusenknopf meiner Mutter steht offen.
   "Das ist Wolfgang", sagt sie, "ich habe ihm erzählt, dass du ein großer Musikfan bist."
   Beide blicken mich aufmunternd an. "Ja", sagt Wolfgang dann, "und da dachte ich mir, ich bring dir was mit".
   Er greift nach einer Tüte vom Musikhaus Jensen und drückt sie mir in die Hand. Das kann doch gar nicht sein, denke ich, das neue Album wird doch gerade aufgenommen. Aber aus der Tüte sieht mich ein fremdes Gesicht an. Eine Frau mit schwarzen Haaren, Frotteeband im Haar, auf der Brust ein riesiger Mund, der die Zunge heraus streckt.
   "Nena", erklärt Wolfgang, "die finden meine Kinder toll. Oder, wie mein Sohn sagen würde: geil." Dabei zwinkert er mir zu.
   "Das ist nicht so mein Stil", antworte ich und lege die Tüte auf dem Couchtisch ab. Wolfgang setzt sich wieder hin, zieht an seinen Hosenbeinen und trocknet sich mit einem Stofftaschentuch die Stirn.
   "Ach nein? Und was wäre das dann, dein Stil?"
   "Jochen Liebherr", kichert meine Mutter, "den liebt sie so richtig." Dabei krault sie Wolfgang im Nacken. Auch auf seinem Ohrläppchen wachsen Haare.
   "Jochen Liebherr? Ich dachte, das sei etwas für Oldies wie uns!"
   Ihr schmaler Oberkörper steckt wieder in der Silberbluse, die breiten Schenkel hat sie unter einem Wollrock versteckt. Mich täuscht sie nicht. Sie sieht aus als habe einer Teile aus zwei verschiedenen Bausätzen zusammen geschraubt.
   "Wo willst du denn hin?", ruft sie mir nach, als ich das Zimmer verlasse.
   "Ich hab noch was vergessen."
   "Ruf doch mal an!" steht in schwarzen Buchstaben in einem weißen Wölkchen, das auf die Seitenwand der Telefonzelle geklebt ist. Es ist eine moderne Zelle, eine mit Tasten statt Wählscheibe.
   Am einfachsten wäre es, direkt nach Hamburg zu fahren. Aber erst muss ich sicher sein, dass Jochen nicht mehr in der Toskana ist. Vielleicht kann er mich auch mit dem Auto abholen, es ist ja nur eine Stunde bis Hamburg. Am besten heute noch. Es ist dringend. Das muss er verstehen. Und wenn du einsam bist/und etwas Trost vermisst/dann denk daran/dass ich dir helfen kann. Das sagt er doch nicht einfach so.
   Ich hebe den schweren, schwarzen Hörer ab. Der Ton aus der Leitung klingt ungeduldig. Tut-tuuuut, tut-tuuuut, kurz-lang. Eine Mark, danach die Nummer, sieben Ziffern, auswendig. Nach jeder Taste rattert es leise in der Leitung. Bei der Null am Ende dauert es am längsten. Freizeichen.
   "Mellow Music Group, hallo?" Das Markstück rasselt in die Tiefe des Apparates. 80 Pfennig Guthaben.
   Die Stimme klingt fremd. Anders als wenn er singt. "Jochen?" Am anderen Ende ist es einen Moment still. Wahrscheinlich ist er überrascht. Aber ich kann ihn doch nicht "Herr Liebherr" nennen.
   "Welcher Jochen? Wen suchen Sie?"
   Vielleicht ein Freund, der bei Jochen zu Besuch ist. Mamas Männer gehen auch manchmal bei uns ans Telefon.
   "Ich will Jochen sprechen, ich meine...also...Herrn Liebherr."
   "Welche Abteilung denn?"
   Abteilung? "Musik", sage ich schließlich.
   "Ach so, jetzt verstehe ich. Momentchen", der Mann legt den Hörer weg. "Anita", höre ich ihn fragen, "wer ist denn für Liebherr zuständig?" "Für den Schlagerheini?", fragt eine Frauenstimme. "Ich hab hier jemand für ihn am Telefon, ein Mädchen. Wohl ein Fan." "Mandy. Drei vier sechs eins."
   "Da bin ich wieder", sagt der Mann, "Was genau möchtest du denn? Ein Autogramm?"
   Der Schriftzug Bitte Geld nachlegen blinkt. Das Telefonkabel schnürt meinem Zeigefinger das Blut ab. Das oberste Glied ist schon ganz weiß. "Ich verbinde dich, Sekunde."
   Musik kommt aus dem Hörer. Jochen Liebherr singt von einem Frühlingsmorgen, ungekämmten blonden Haaren, einer kleinen Kinderhand unter der Bettdecke. Komm mit ins Freie/ zeig mir eine neue/ und taufrische Welt.
   "Mellow Music, Mandy?"
   "Anja. Anja Bauer. Ich wollte Herrn Liebherr sprechen, ich meine...wohnt er denn gar nicht in der Parkstraße 30?"
   Sie lacht. "Wäre ein bisschen eng, wenn alle unsere Künstler hier einziehen müssten. Was kann ich denn für dich tun?"
   Ich muss zu ihm, möchte ich sagen, ich muss mit ihm reden. Aber das geht sie gar nichts an. "Wie ist denn seine Adresse?"
   "Das kann ich dir leider nicht sagen. Aber wenn du ihm einen Brief schreiben möchtest, schick ihn einfach an Mellow Music. Wir leiten den dann weiter."
   Der Apparat frisst scheppernd die Zehnpfennigstücke. In meiner linken Hand halte ich ein Büschel Haare. Sie sind dunkelblond. Es müssen wohl meine eigenen sein.
   "Lieber Jochen", beginne ich. Es ist Sonntag Abend und ich kann nicht schlafen. Im Flur geht das Licht an und aus. Ich habe es aufgegeben, durch das Schlüsselloch zu schauen. Draußen läuft Mamas Schlafrock auf haarigen Stelzen herum. Der Mann ist jetzt fast jede Nacht bei uns. Ich soll ihn Wolfgang nennen.
   Meine Buchstaben ducken sich auf die Linien des Papiers, als hätten sie Lampenfieber. Briefe geschrieben habe ich Jochen schon viele, aber noch keinen, der er auch lesen wird. "Ich bin fast 12, und ich glaube, wir sollten Mal miteinander reden. Ich habe alle deine Platten (oder fast, die Platte "Jahre der Liebe" felt mir noch). Ich verstehe genau was du meinßt, wenn du sagst, du liebst Jessica und Janine mehr als dein Leben, auch wenn meine Mutter sagt, das ist kitschig. Ich glaube auch verstehst mich besser, als sie. Bitte schreib mir deine richtige Adresse. Viele Grüße an Jessica und Janine von deiner Anja."
   Kekskrümel knirschen, als ich den Umschlag schließe.
   Der Umschlag ist flach und fast quadratisch. Er liegt auf der Anrichte im Flur. "Mellow Music" steht auf dem Absender. So macht er das also: Er schickt auch seine Antworten an Mandy, und sie sendet sie weiter. Wenn jemand seine Briefe klauen würde, ein Fremder, dann wüsste der ja seine geheime Adresse.
   Durch das Papier hindurch taste ich nach etwas Hartem. Es muss eine Postkarte sein. ‚Pass auf, wenn du Karten schreibst', hat meine Mutter einmal zu mir gesagt, ‚die kann jeder lesen!' Wahrscheinlich hat er sich das auch gedacht.
   Ich schlitze den Umschlag mit meiner Bastelschere auf. Das Papier franst aus, will nicht nachgeben. Zuerst erscheint Jochens Scheitel, dunkle Haare, schattierte Furchen auf der Stirn. Augenbrauen, in der Mitte zusammen gewachsen. Ab den Wimpern weiß ich Bescheid. Das Bild ist auch auf seiner aktuellen Platte. Der Schriftzug reicht von der Nasenwurzel bis zum Kinn. J und L sind größer als die anderen Buchstaben.
   Die Rückseite der Autogrammkarte ist leer.
   Ein halbes Jahr später verkaufe ich meine Gitarre, das Liederbuch und die Platten auf dem Flohmarkt. Es will sie tatsächlich jemand haben. 25 Mark gibt mir eine junge Frau mit einer großen runden Brille und einem Batikrock. Vielleicht hätte ich mich mit ihr anfreunden können. Aber jetzt ist es zu spät. Die Autogrammkarte will sie nicht, und so werfe ich sie in einen halbvollen Mülleimer auf dem Weg zur Bushaltestelle. Jochen Liebherr bleibt zwischen einem angebissenen Hotdog und den Scherben einer Bierflasche liegen und blickt mich aus dunklen Augen an. Auf seinen Schultern liegen die kleinen Hände seiner Tochter, die sich von hinten an ihn klammert.
   Aber das erkennt man nur, wenn man ganz genau hinschaut.

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