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French Kiss
Erstmals erschienen in EDIT- Papier für neue Texte,
Mai 2002
Es ist nicht das erste Mal, dass Benjamin mich nackt sieht. Es
ist nichts dabei, es war ja auch damals nichts dabei. Wir waren Kinder
mit halbmondförmigen
frischen Narben an den Knien und sonnenverbrannten Nasen, ständig
hungrig, von Kopf bis Fuß in unseren Körpern zu Hause. Unsere
weichen Sohlen klatschten auf dem kühlen Steinfußboden in dem
Haus am Meer. Wenn unsere Mütter uns erwischten, dann schimpften
sie manchmal, weil wir keine Socken anhatten, aber nie, weil wir keine
Hosen und Hemden trugen. Die Luft war hautwarm in diesem Sommer, und wir
waren unter uns. Benjamin folgte mir auf seinen kurzen Beinen in die Küche,
auf die Terrasse und ins Schlafzimmer, manchmal einen Plastikeimer mit
Förmchen in der Hand und manchmal sein graugeliebtes Schmusetuch.
Er reichte mir bis zur Hüfte, und seine Hand war so klein, dass ich
sie fast vollständig in meiner verstecken konnte. Wenn ich mich vornüber
beugte und Benjamin die Enden meiner Zöpfe zu fassen bekam, erbeutete
er Schleifen und Haargummis. Beim Versteckspielen vergaß er oft,
daß ich ihn sehen konnte, auch wenn er sich die Hände vor
die Augen hielt.
Das Ferienhaus hat sich in den 20 Jahren nicht verändert.
Noch immer die selben Cézanne-Drucke in Wechselrahmen, die Korbstühle
und das eiserne französische Bett mit dem geblümten Überwurf
im Wohnzimmer, auf dem Benjamin jetzt sitzt. Auch sein Hinterkopf hat
sich in 20 Jahren nicht verändert, noch immer sind seine Locken weich
und wirr wie die eines kindlichen Altarengels. Er ist ein Bild der Unschuld,
wie er mir mit der einen Hand den Rock hochschiebt, mit zwei Fingern unter
den Gummibund meines Slips greift und das dunkle Büschel freilegt,
das noch nie zu meinen blonden Haaren gepasst hat. Er schaut wie ein Kind
im Spielzeugladen. Benjamin zieht mich näher an sich heran, fast
verliere ich das Gleichgewicht und bleibe dann wieder vor ihm stehen.
Er beugt sich tief über meinen Schoß, bis ich seinen Atem zwischen
meinen Beinen spüre. Seine Nase drückt gegen das Haarnest,
er schnuppert an mir wie ein junges, verspieltes Tier. Es ist nichts
dabei.
Auf dem Plastiknachttisch stehen zwei Gläser, halbvoll
mit einem roten Likör, der im Halbdunkel die Farbe der steinernen
Wand angenommen hat. Crème de Cassis. Vor zwei Stunden haben wir
die Flasche im Küchenschrank entdeckt, wo wir durstig nach einem
Bier oder einer Flasche Sprudel suchten, weil aus den Wasserhähnen
mit den ausgeleierten Griffen nur Rost rieselte. Unterwegs eingekauft
hatte keiner von uns, als sei es selbstverständlich, daß unsere
Mütter noch immer dafür sorgen würden, dass Eis, Erdbeeren
und süße Säfte im Kühlschrank wären. Keiner
von uns ist wieder hier gewesen seit dem Sommer, in dem ich meine
ersten Schamhaare bekam.
Sechs Wochen verbrachten wir damals in dem Haus am Meer.
Drei Tage vor unserer Abreise lief ich zum letzten Mal nackt durch die
Räume. Unter der massiven Brause, die nach Lust und Laune mal einen
kalten und mal einen heißen Strahl ausspuckte, wusch ich mir das
Meerwasser von der Haut. Nass stieg ich aus der Emailwanne, der Boden
war mit sandigen Schlieren bedeckt. Der Badezimmerspiegel war blind.
Es roch nach Fruchtbonbons. Vor mir stand Benjamin und sah mich an.
Er kannte mich von Kopf bis Fuß, er hatte den
Leberfleck neben meinem Nabel jeden Tag gesehen, meine Brustwarzen, die
sich seit ein paar Monaten wölbten und dehnten, die Narben an meinen
Knien. Wochenlang war mein nackter Körper so selbstverständlich
gewesen wie meine Haarfarbe und der kalte Boden unter unseren Füßen.
Er streckte ein speckiges Händchen nach mir aus und zeigte mit dem
Finger auf mich. "Ich mag dich mal nackt anfassen", sagte er.
"Raus!" brüllte ich ihn an, und seine Unterlippe begann
zu zittern. Er presste die dreckige Schmusedecke an sich, drehte sich
um und lief weinend auf die Terrasse, wo unsere Mütter in Batikkleidern
auf dem Boden saßen, tranken, durch die offene Tür Chansons
hörten. La place rouge était vide. Ich habe nie gefragt, ob
sie aus seinem Schluchzen schlau wurden und verstanden, was passiert war.
Als mich meine Mutter später ins Bett brachte, setzte sie sich noch
einen Moment zu mir, strich mir die langen Haare aus der Stirn und sagte:
"Sonja, es ist schön, so eine große Tochter zu haben."
Mir gefiel das Wort Tochter, es klang erwachsen aus ihrem Mund. Am nächsten
Abend ließ sie mich zum ersten Mal von ihrem Likör probieren.
Rot, süß und stark.
Benjamin zieht meinen Slip tiefer, wiegt meine Pobacken
in seinen Händen, lässt einen glatten warmen Finger dazwischen
gleiten. Wenn unsere Mütter nicht gemeinsam die Idee mit diesem Kurzurlaub
zu viert gehabt hätten, säße ich jetzt in einem düsteren
Büroraum mit Ausblick auf einen betonierten Parkplatz. Wenn es nicht
so windig gewesen wäre, hätten Benjamin und ich unsere Terrassenplätze
in den Liegestühlen mit der brüchigen, rotweiß gestreifen
Bespannung nie verlassen. Wenn wir uns mehr zu sagen gehabt, mehr miteinander
zu teilen gehabt hätten als die Erinnerung an lang vergangene Sommerferien,
an Familiengeschichten und ein Leben im Zeitraffer, könnten wir jetzt
auf Küchenstühlen sitzen und reden. Wenn unsere Mütter
vor uns angekommen wären, könnte ich schon den Tisch decken,
die Hypermarché-Tüten auspacken, und Benjamin könnte
Baguette schneiden.
Benjamin taucht seinen Zeigefinger in das Likörglas.
Benjamin taucht seinen Zeigefinger in mich. Einen klebriger Tropfen versickert,
während die Hand tiefer eindringt, mich mit Daumen und Mittelfinger
teilt. Im Zimmer ist es still. Ich kann hören, wie nass ich bin,
ehe ich mich selbst rieche. Es ist nichts dabei, Mami, es ist doch nur
ein Spiel. Er leckt seinen Finger ab, vorsichtig, als sei es eine schmelzende
Eistüte, es darf nicht tropfen, es darf nichts verloren gehen. Für
jedes Kind zwei Kugeln auf der Strandpromenade, iss schneller, leck es
ab, deine Hände werden ja ganz klebrig. Benjamin wollte immer Vanille.
Wenn ich ganz still stehe, ist es nicht wahr. Wenn ich
ganz still stehe, verwandle ich mich in eines der feucht glänzenden
Likörgläser, werde grau wie die Steinwand im halbdunklen Zimmer.
Ich lasse mich einfach austrinken. Ich kann nichts dafür, ich habe
die Badezimmertür einfach offen gelassen, es war nichts dabei. Ich
laufe nicht mehr nackt durchs Haus, das Kind ist groß geworden und
trägt einen Gürtel. Der macht ein metallisches Geräusch,
als Benjamin ihn öffnet und aus den Schlaufen zieht. Das lederne
Ende läuft so spitz zu wie Benjamins Zunge, die metallverzierte Spitze
ist kalt, als er sie tief in mich hineinsteckt, kalt wie Steinboden an
weichen Kinderfußsohlen. Er hat seine Augen weit aufgerissen, staunend.
Ich halte diesem Blick nicht mehr stand, ich höre mich schreien und
Benjamin packt mich, ehe ich noch "Raus!" schreien könnte
fliehen könnte in die Küche in den Supermarkt ans Steuer auf
die Route Nationale, er biegt mir die Arme zurück, stellt mir ein
Bein, lässt mich vornüber auf sich fallen. Mit links greift
er nach dem Slip zwischen meinen Knöcheln, befreit meine nackten
Füße. Der Mann riecht nicht mehr nach Fruchtbonbons, sondern
nach frischem Shampoo, nach Nivea und Tabak. Seine Finger riechen nach
mir. Ich mache die Augen zu. Er versucht nicht, mich zu küssen.
Das hier passiert nicht. Ich bin eine Figur in einer
fremden Geschichte in einem fremden Kopf. Ich bin nicht schuld, auch nicht
der Rock, der beim Gehen zwischen meine Schenkel rutscht, nicht mein Körper,
in dem es längst unbewohnte Räume und verschlossene Türen
gibt.
Das bin nicht ich, das ist die Fremde aus Benjamins
Kopf, die sich auf den Rücken dreht und ihre Beine schamlos weit
spreizt, so weit, dass es spannt auf der Innenseite, die jetzt vor ihm
liegt wie ein aufgeschlagenes Buch, feucht entblättert, mit hungrig
geöffneten Lippen, die diesen blonden Jungen mit der halb aufgeknöpften
Hose an sich drückt, sich an ihm reibt, bis der helle Stoff dunkel
wird, die ihn in sich hinein holt, bis er meeressalzige Tropfen von seiner
geröteten Stirn auf ihr Gesicht fallen läßt, die Fremde,
die ihm zwischen die Backen greift sich seinen Muskelring an den Finger
steckt ihn am Arsch über ihre Brüste zieht seinen leicht gekrümmten
Schwanz in ihrer Mundhöhle verstecken will, sie öffnet ihre
Lippen für die salzige Milch, nebelweiß, und gleich wird es
regnen, regnen über ihre Kehle, herunterrinnen an ihrem Hals, in
ihren Augenbrauen kleben bleiben. Sein weicher offener Mund, seine
rosigen Wangen und die Lider mit den seidigen Wimpern erinnern sie an
ein schlafendes Kind.
Ich öffne die Augen, als Benjamin sich aufbäumt,
sich quer über mich fallen lässt und das Gesicht flach in meine
Armbeuge drückt, als könnte er sich darin verstecken, als könnte
er vor mir verheimlichen, was er getan hat. Er presst seine Lider aufeinander.
Es hilft nichts, ich sehe ihn trotzdem. Er trägt noch immer sein
weißes T-Shirt. Ich werde nie erfahren, ob er Haare auf der Brust
hat. Sein Stöhnen klingt ängstlich. Seine Locken fallen ihm
weich in den Nacken und enthüllen ein unregelmäßig gezacktes
Muttermal hinter dem rechten Ohr. Ich kenne dieses Zeichen gut. Ich
trage es selbst. Es liegt in der Familie.
Draußen klappt eine Autotür. Es klingelt.
Benjamin steht auf, presst mir dabei ein knochiges Knie in meinen Unterschenkel.
Es tut weh. Er zieht die Hose hoch, die zwischen seinen Knien baumelt,
kickt den Gürtel unter die weit überhängende fransige Tagesdecke,
streicht sich mit gespreizten Fingern durchs Haar, verlässt das Zimmer,
ohne mich anzusehen. Direkt über der Knopfleiste der hellen Hose
hat er einen nassen Fleck. Ich höre seine nackten Füße
auf der Treppe, die Tür und das Geräusch, mit dem ein Koffer
über den Steinfußboden geschoben wird. "Hi, Tante Annette",
begrüßt er meine Mutter. "Wie siehst Du denn aus, bist
Du gelaufen?", fragt sie zurück. Ich liege auf dem Rücken,
den Rock hoch geschoben. Mein Gesicht ist nass.
Ich wünsche mir, mein Haar würde wieder lang
wachsen. Dann könnte mir meine Mutter am Strand viele kleine Zöpfe
flechten. Und vor dem Einschlafen könnte ich mich unter einem blonden
Vorhang verstecken, und keiner könnte mich finden.
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