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Auszug aus »Lady Liberty«
Klappentext: Jenny ist überzeugt, dass in New York das ganz große
Leben und die ganz große Freiheit anfängt. Aber Queens ist
nicht Manhattan, und erst einmal ist Langeweile angesagt. Bis Jenny
Leroy trifft, den Fahrradkurier und Slam-Poeten aus der Lower East
Side. Eine wilde, intensive Liebesgeschichte beginnt.
(...)
Starbucks ist überall. Die Filialen haben Glaswände und Glastüren.
Die Gäste sitzen auf Barhockern hinter dem Fenster auf Augenhöhe
mit den Fußgängern und nippen an Kaffee aus Pappbechern. Gestern
wäre ich fast in so einem Laden gewesen, am Broadway. Ich war noch
nie allein in einem Café, aber während ich zehn Minuten unentschlossen
am Ausgang stand, sah ich fast nur Leute einzeln rein und raus gehen.
Es scheint nichts Besonderes zu sein, nicht wie daheim, wo man sich vor
dem Uni Café verabredet und dann gemeinsam einen Tisch sucht. Jedes
Mal, wenn die Tür aufging, roch die Luft intensiv nach Kaffee.
Beinahe hätte ich mich getraut. Allein schon deshalb,
weil das braune Heißgetränk in Annes Family Diner schmeckt,
als wäre der gleiche Filter drei Mal verwendet worden. Aber als ich
mich gerade entschieden hatte, kam ein Anzugträger aus der Tür,
der so verkniffen schaute, dass ich zwei Schritte zurück trat und
wie einbetoniert stehen blieb, so dass ich fast mit zwei Hunden zusammenstieß
und mich in eine Leine verhedderte. Ich fühlte mich rot werden und
schämte mich dafür. Vielleicht bin ich selbst Schuld an meinem
Touristenstatus, wenn ich ohne mit der Wimper zu zucken allein ein Flugzeug
nach New York besteige, aber dann vor einem Coffeeshop kapituliere. Ins
nächste Starbucks gehe ich rein, und wenn mir Godzilla persönlich
entgegen kommt.
Ich muss nicht lange laufen. Die Filiale liegt kurz
vor der Brooklyn Bridge, zwischen einem Videoladen und einem baufälligen
Haus. In einem Fenster im zweiten Stock hängt ein Schild, das für
die amerikanische Armee wirbt. Während ich auf den Laden zugehe,
reißt die Wolkendecke auf und lässt die Sonne durch. Ich hole
tief Luft und drücke dann gegen die Glastür. Keiner dreht sich
um oder schaut mich an. In der Ecke vor der Fensterfront stehen rote Plüschsessel
vor kleinen runden Tischen. Aus den Lautsprechern klingt Jazz. Ich
stelle mich vor der Theke an.
Der Mann vor mir ist riesig. Zwei Meter groß,
oder wenigstens fast. Er trägt einen orangefarbenen Fahrradkurier-Rucksack.
Auf meiner Augenhöhe ist die Freiheitsstatue abgedruckt, die mit
wehendem Gewand in die Pedale tritt. Ihre Fackel lodert im Fahrtwind.
Liberty License we speed up your life, steht in fetten Buchstaben
darunter.
Ich frage mich, ob er meinen Blick spürt, so wie
ich vorhin den Blick des kleinen Jungen auf dem Schiff. Über die
Ohren hat er ein Paar Kopfhörer gestülpt, so groß wie
Kinderfäustlinge. Schwarze Rastalocken fallen ihm in den Rücken,
schlängeln sich über das Plastik. Er wiegt seine Hüften
im Takt, tanzt nach seinem eigenen Rhythmus. Er hat einen hübschen
Arsch, denke ich, und während ich das denke, habe das Gefühl
mich zu verhaspeln: Obwohl ich nicht laut spreche. Habe ich wirklich "Arsch"
gedacht, so wie ein Mann es denken würde, der auf der Straße
einer Frau hinterher starrt? New York macht merkwürdige Dinge mit
mir.
"Hello Miss, how may I help you?"
Ein Mädchen in grüner Schürze lächelt
mir zu. Diese Frage bin ich mittlerweile gewohnt.
"A coffee with milk
"You mean Latte or Regular?"
Einmal mehr habe ich das Gefühl, kein Wort
Englisch zu können. Oder nicht die richtigen Wörter.
"I dont care", sage ich und dann erst
sehe ich die riesige Tafel über ihrem Kopf. Mindestens 20 Kaffeesorten,
und die gibt es auch noch in verschiedenen Größen. Mein Mund
wird ganz trocken.
"Do you want caffe latte?" versucht sie es
noch einmal. Ich schätze, das will ich. Konnte ich schließlich
nicht wissen, dass ich Italienisch lernen muss, um in New York Kaffee
zu bestellen.
"A tall Latte", ruft sie ihrer Kollegin an
der Espressomaschine zu. Ich zähle meine Dollarscheine ab und wundere
mich: was für eine unübersichtliche Währung, in der alle
Noten die gleiche Farbe haben! Auf den Tresen gestützt warte ich
auf meinen Pappbecher. Wenn ein Cent in meinem Wechselgeld ist, dann habe
ich Glück. Es könnte bedeuten, dass der Fahrradkurier mich
anspricht. Ich warte immer noch auf meinen Kaffee.
Drei einzelne Cents sind dabei. Es wirkt sofort.
Er tippt mir auf die Schulter. "Die Getränke
gibts da drüben. Sie rufen dich auf, wenn deins fertig ist."
Wie zur Bestätigung kündigt die Frau an der Espressomaschine
am anderen Ende der Theke laut "One strawberry frappuccino"
an. Sie reicht ihm einen durchsichtigen Becher mit Kaffee voller Eiswürfel,
gekrönt von einem Sahnehäubchen, durchzogen von roten Schlieren.
Er greift danach, umschließt den Becher mit Daumen und Mittelfinger.
Hände zum festhalten, Hände, in denen ich mir gut einen Schraubenzieher
vorstellen könnte.
"Kaffee und Erdbeersauce? Schmeckt denn das?"
Er grinst. "The only way to survive a hot day",
rappt er in einem weichen Singsang. Er saugt an seinem Strohhalm.
Die Wangenknochen unter seiner Haut treten noch mehr hervor.
Er ist jünger als ich dachte. 21, 22, höchstens
25. Trägt eine randlose runde Brille. Und lacht mich zwischen zwei
Schlucken so an, dass mir sofort alle Klischees über die Zähne
von Schwarzen einfallen. Perlen an einer Schnur. Elfenbein. Dazu noch
eine doppelte Portion weiß hinter langen Wimpern. Er strahlt, er
funkelt. Ich wünschte, ich hätte meinen Kaffeebecher schon.
Denn ich brauche dringend etwas um mich daran fest zu halten.
Gleich darauf bekomme ich meinen Kaffee und ein zusätzliches
Problem. Wie soll ich ihn trinken, ohne mich lächerlich zu machen?
Durch die winzige Öffnung an der Seite des Plastikdeckels? Oder soll
ich ihn abnehmen und mit Milchschaumschnurrbart wieder auftauchen? Ich
inspiziere den Becher. Er steckt in einer braunen Pappbanderole. "Be
careful," steht darauf, "the beverage youre about to
enjoy is extremely hot."
Leider macht der Fahrradkurier keine Anstalten, sich
zu setzen. Geschweige denn, mit mit zusammen. Er zwinkert mir zu, das
ist wenigstens etwas, setzt sich dann seine Kopfhörer wieder auf
und geht mit federnden Schritten zu einem Schwarzen Brett neben der Eingangstür,
an das er einen Zettel pinnt. Mit der Sohle seines rechten Turnschuhs
stößt er die gläserne Schwingtür auf.
Ich warte einen Augenblick, entscheide mich für
die Milchschnurrbart-Methode - jetzt ist es egal - und ziehe den
Plastikdeckel ab. Tunke meine Oberlippe durch den lauwarmen Schaum
ein, bis sie auf den Kaffee darunter trifft und nippe daran.
Ich zwinge mich zu warten. Ich sage mir: Wenn du es
schaffst, hier stehen zu bleiben und den Kaffee auszutrinken, bevor
du den Zettel am Schwarzen Brett liest, dann wirst du diesen Mann
wiedersehen.
Wie damals, als ich Jürgen gerade kennen gelernt
hatte und auf seinen Anruf wartete. Mein Ritual war so simpel wie wirkungsvoll:
Wenn du nach Hause kommst, geh erst ins Bad und zieh dir die Lippen nach.
Konturstift und Farbe. Dann geh in die Küche und gieß dir
ein Glas Cola ein. Trink es aus. Als letztes sieh nach, ob jemand
angerufen hat.
Aber heute bin ich zu ungeduldig für magische Rituale.
Beim dritten Schluck merke ich, dass ich mir heftig die Zunge verbrenne.
Ich laufe zur Eingangstür. Tongues on fire, steht auf den Flyer,
Poetry Slam & Open Mike. June 19th, 9 p.m., Poets Bar. Schwarze
Schrift auf rotem Papier.
Poetry Slams gibt es auch in Freiburg. Germanistikstudentinnen
mit großen Brillen lesen lange Liebesgedichte vor, dünne Jungs
in Cordhosen lesen Kurzgeschichten, in denen es meistens um Drogen geht.
Das Publikum vergibt Punkt, der Gewinner bekommt eine Flasche Whisky.
Mal sehen, ob es in Amerika genau so ist. Ich schaue auf die Uhr und rechne
nach. In sieben Tagen und fünf Stunden kann ich ihn wiedersehen.
Wenn ich will.
Seltsam, dass mir gerade jetzt dieser Sonntag im Schwimmbad
einfällt. Ein Sonntag mit Jürgen, einer der ersten. Es war im
Winter. Jürgen lief am Rand des Tauchbeckens vor mir her. Seine Hände
hielt er gegen seine Schenkel gepresst. Er trug eine bunte Badehose, die
nie modisch gewesen war und es auch nie sein würde, und er lief,
als hätte er seine Pobacken zusammen gekniffen. Vielleicht war es
ihm peinlich, dass ich ihn so sah. Wir kannten uns seit zwei Wochen, hatten
uns aber noch nicht voreinander ausgezogen. Vor diesem Tag hatte ich nur
einmal die Brust unter seinen Wollpullover ertastet, aber er hatte ihn
nicht ausgezogen und ich hatte mich so verrenkt, dass mir meine rechte
Schulter zwei Tage lang weh tat. Ein anderes Mal hatten wir nebeneinander
auf seinem Bett gelegen und uns gegenseitig die T-Shirts aus dem Bund
gezogen. Seine Bauchhaare kitzelten meinen Nabel, die Haut darunter war
ganz warm. Ich hätte ewig so liegen bleiben können. In dem Moment
war ich vollkommen glücklich.
Es gefiel mir, dass er so schüchtern war. Und es
gefiel mir, wie selbstverständlich er zu mir stand. Drei Tage nachdem
wir uns zum ersten Mal geküsst hatten, stellte er mich seinen Freunden
vor. Nicht dieses Gequatsche von Freiheit, keine dieser ängstlichen
Ausflüchte. Manche Jungen benahmen sich, als sei es eine Art Eheversprechen,
ein Mädchen vor anderen Augen an der Hand zu halten. Jürgen
nicht. Überhaupt war er ganz anders als mein erster Freund, der es
nicht leiden konnte, wenn ich ihn vor anderen küsste. Jürgen
nannte mich von Anfang an "mein Schatz", und mir wurde zum ersten
Mal klar, was dieses Wort bedeutet. Ich fühlte mich wertvoll und
entdeckenswert. Ich probierte nackt vor dem Spiegel Körperhaltungen
aus, war mir fremd und fand mich schön: Meine ungeschminkten Lippen
und meine kleinen Brustwarzen in der gleichen Farbe, meine langen
geraden Zehen, die ich noch nie beachtet hatte.
Und dann stand ich an diesem Sonntag im Schwimmbad und
mochte Jürgen gar nicht so sehen. Natürlich hatte ich mich gefragt,
wie sein Körper nackt aussah, welche Farbe seine Brustwarzen hatten,
wie dunkel die Haare waren, nach denen ich getastet hatte. Aber ich wollte
ihn bei Kerzenschein auf meinem Sofa, nicht im bläulichen Licht eines
Schwimmbades. Ich fühlte mich wie ein Kind, das aus Versehen ein
nicht eingepacktes Weihnachtsgeschenk in einer Schublade entdeckt. Ich
ging an Jürgen vorbei, kletterte auf einen der Startblöcke
und sprang.
"Komm!", rief ich, als ich auftauchte, "es
ist ganz warm hier drin!" Er schüttelte den Kopf. Lief um das
Becken herum zu einer Trittleiter. Als er sie herunter kletterte, wusste
ich es plötzlich. Jürgen würde mich nie betrügen.
Für mich selbst konnte ich nicht garantieren.
Verdammt hell, denke ich, während ich ins Sonnenlicht
blinzle.
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