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Auszug aus "Eine Nacht zu viel"
Klappentext: Ein eingeschneites Bergdorf. Eine Leiche. Eine Frau
und ein Mann, die sich noch nie begegnet sind, halten Wache und erzählen
sich ihr Leben. In ihren Geschichten sind Karin und Paul so offen und
ehrlich zueinander, wie sie sonst niemand kennt. Diese Nacht wird ihr
Leben verändern.
"Nina und ich sind noch einmal zusammen verreist", sagte Paul.
"Ich dachte, ein Urlaub könnte uns retten. Sie wollte unbedingt
nach Malaysia. Ein Land wie ein Waschküche. Sie mochte solches Klima.
Ich nicht. Sie träumte von einem Leben ohne Jahreszeiten. Ein Alptraum,
wenn du mich fragst. Es war Herbst, und ich hatte eigentlich die ganze
Zeit Sehnsucht nach Deutschland. Genau genommen war es mehr als Sehnsucht,
eher eine Art Vision, die mich immer wieder überkam, so plötzlich
wie ein Niesanfall oder ein Brechreiz. Ich sah mich auf einer Wiese
stehen, in einem blauen Wollpullover, und das Gras unter meinen Sohlen
knisterte vor Raureif.
Besonders gut erinnere ich mich an einen Morgen auf
dem Markt in einer Kleinstadt. Es kommt mir so vor, als hätte ich
weder vorher noch hinterher jemals so geschwitzt. Die Nähte meiner
Jeans scheuerten bei jedem Schritt, so feucht war meine Haut. Der Asphalt
glänzte, und ich war mir nicht sicher, ob es geregnet hatte oder
ob das nur eine Luftspiegelung war. Das Licht blendete so stark, dass
ich immer wieder in der Schultertasche nach der Sonnenbrille suchte. Dabei
hatte ich sie längst auf.
Schließlich habe ich mich in den Schatten eines
Marktstandes gestellt. Neben mir schuppte eine Frau im schwarzen Gewand
Fische in einer Plastikschüssel. Die Fische starrten mich aus toten
Augen an. Ich versuchte, so wenig zu atmen wie möglich, ich quetschte
den letzten Sauerstoff aus meiner Lunge. Auf malaysischen Märkten
riecht jeder Atemzug anders: Der erste nach Blumen, der zweite nach Kokosmilch,
der dritte nach Hundescheiße. Diese Art von Überraschungen
liegt mir nicht. Und wenn man nicht aufpasst, tritt man in einer Pfütze
voller Innereien.
Nina stand weiter hinten in der Menge. Es war nicht
schwierig, sie im Auge zu behalten, sie überragte die Verkäufer
um mehr als einen Kopf. Sie hielt etwas in der Hand, eine Stofftasche
oder ein Tischtuch, deutete darauf und gestikulierte. Wahrscheinlich handelte
sie einen Preis aus. Dabei stützte sich sich mit einer Hand im Kreuz
ab. Der Verkäufer machte eine tänzerische Handbewegung. Dann
war wieder Nina an der Reihe, die mit den Fingern eine Zahl andeutete.
Als die Fischhändlerin mich bemerkte, deutete sie auf die Schüsseln
vor sich und spitzte den Mund. Wahrscheinlich wollte sie mir klar machen,
wie köstlich sie waren. Eine ganze Weile redete sie in ihrer eigenartigen
Sprache auf mich ein. Plötzlich stand Nina wieder neben mir. Ihr
Mund war leicht geöffnet. Dieser herzförmige Mund, an dem ich
mich nie sattsehen konnte. Diese Lippen, geformt wie ein Staunen, oder
wie ein Schmollen, je nach Tageslicht und Blickwinkel. Sie schwenkte eine
bunte Tasche. Dazu passen noch zwei Kissenbezüge, sagte sie, die
habe ich gratis bekommen. Ich versuchte so etwas wie ein verächtliches
Schnauben, wollte ihr erklären, dass sie übers Ohr gehauen worden
war, dass man ihr wahrscheinlich den dreifachen Preis abgenommen hatte.
Aber dabei fing meine Nase an zu laufen. Und jetzt sag mir eins: Wie hält
man einer Frau einen Vortrag, mit diesem Rotzfaden zwischen Nase und Oberlippe?
Ich fuhr mir mit dem Handrücken übers Gesicht, hoffte, dass
sie es nicht bemerkt hatte. Sie atmete tief ein, fasste sich dann plötzlich
an die Kehle. Dann ließ sie die Luft hörbar durch die Nase
entweichen. Ist dir schlecht, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf
und verschränkte die Finger über ihrem Bauch."
Er lehnte sich zurück und schwieg einen Moment.
Dabei fixierte er einen Punkt an der Decke.
"Nina hat immer ein dekoratives Leben geführt",
fuhr er fort. "Manchmal habe ich sie von unserem Küchenfenster
aus dabei beobachtet, wie sie mit vollen Einkaufstüten um die Straßenecke
bog. Beim Laufen streckte sie das Kinn nach vorne. Sie hat mich ein bisschen
an einen Vogel erinnert, der Ästchen für Ästchen in sein
Nest trägt. Ich fand ihre Bewegungen rührend. Wie sie eine Tischdecke
glattstrich oder mit einem Messerchen Wachsspritzer von einem Kerzenhalter
entfernte. Und ich war ihr Held. Ziemlich lange. Jedesmal wenn ich von
meinen Reisen zurückgekommen bin, von einer Reportage über ein
Designerhotel in Australien oder eine Regatta in Kalifornien, hat sie
mich begrüßt wie einen Kriegsheimkehrer. Dann ließ sie
Kerzen in der Badewanne schwimmen und cremte sich ein. Ihre Haut
war klebrig vor lauter Entgegenkommen.
Oft, wenn ich allein in einem luxuriösen Hotelzimmer
schlief, quer über ein Bett mit mindestens zwei Kissen ausgestreckt,
nahm ich mir vor, ihr die Orte zu zeigen, an denen ich arbeitete und andere
Urlaub machten. Ich wollte, dass sie sah, wo ich meine Interviews führte.
Ich wollte ihr die Cafés zeigen, in denen ich meine Notizen aufschrieb.
Unterwegs kostete ich die Erlebnisse für sie vor: ein japanisches
Frühstück, der Blick über die Klippen eines Golfplatzes.
Aber wenn wir dann endlich mal zu zweit unterwegs waren,
wollte Nina die meiste Zeit in Hütten und Zimmern ohne Fernseher
übernachten. Dabei kannte ich sämtliche Luxus-Lodges auf den
Inseln im südchinesischen Meer. Kein Interesse. Im Royal Beach Resort
hatten wir eine Suite mit Klimaanlage, drei Tage lang. Das ist wie der
Unterschied zwischen Tiefkühlkost und einem Landgasthof, sagte sie,
lass uns wohin fahren, wo ich was spüren kann und was schmecken.
Je länger wir unterwegs waren, desto mehr ging sie ihrer eigenen
Wege. Sie ließ mich einfach stehen und schwitzen." Er ließ
den Blick sinken und starrte auf seine Fingerspitzen.
"Bei mir ist das genau umgekehrt", sagte Karin.
Sie saß auf dem Bett und umfasste ihre Knöchel.
"Was?"
"Schwitzen finde ich nicht so schlimm. Ich mag
das Gefühl, wenn man ganz feuchte Kniekehlen bekommt, im Sommer.
Nur mit der Kälte komme ich nicht zurecht."
"Ich kann nicht schlafen, wenn es so warm ist.
Die Luft ist wie ein nasses Handtuch, das Betttuch klebt am Körper.
Die Hütte in der River Lodge, von der Nina so begeistert war, die
habe ich gehasst. Wenn ich gerade einmal eingeschlafen war, wachte ich
vom Tuckern der Motorschiffe auf, die die ganze Nacht auf dem Fluss unterwegs
waren. Die Hütte war gerade groß genug, dass ein Doppelbett
darin Platz hatte, mit einem Metallgestell und einem knarrenden Lattenrost.
Zwischen die Wand und die Kante des Gestells hat gerade mal ein Koffer
gepasst. In der Suite des Royal Beach Resort war schon das Bad größer
als unser gesamtes Zimmer.
Eines Nachts, als die Hitze mich mal wieder aufgeweckt
hatte, sah ich Nina nackt an der Tür stehen. Ihre Brustwarzen waren
groß und dunkel wie angelaufene Kupfermünzen. Zieh dir wenigstens
Schuhe an, sagte ich zu ihr, du weißt doch, hier gibt es Schlangen.
Es raschelte in den Ästen über der Hütte.
Eine Frucht fiel auf das Blechdach. Nina schaute durch mich hindurch.
Und fragte mich ganz seltsame Sachen. In der Art wie: Weißt du noch
wie das war, als Kind? Wenn man zum ersten Mal im Frühjahr kurzärmlige
T-Shirts tragen durfte, wenn auf einmal Luft an die Haut kam? Das erste
Barfußlaufen? Und wenn man seine Zehen um die Pedale des Dreirades
krümmt wie Finger, die etwas festhalten?
Sie machte ein paar Schritte auf mich zu. Die Haare
zwischen ihren Schenkeln sahen feucht aus. Als ich sie umarmte, piekten
mich ein paar Stoppeln. Nina hatte sich seit mindestens einer Woche nicht
mehr unter den Achseln rasiert. Ich verstehe sie nicht, ich verstehe sie
einfach nicht, dachte ich, später, kurz bevor ich in sie hinein kam
wie eine wütende Welle. Dabei schrie ein Tier.
Ich habe später oft versucht, mir diese Nacht genauer
in Erinnerung zu rufen. Hat sie die Augen geschlossen unter mir, haben
ihre Lider geflattert, hat sie im entscheidenden Moment die Finger gegen
mein Kreuz gepresst? Aber ich kann sie nicht mehr auseinander sortieren,
die Bilder in meinem Kopf, es sind zu viele. Andere, frühere Momentaufnahmen
von einer Rötung an ihrem Hals und gespreizten Fingern auf einem
Kissen, und ihre Stimme habe ich noch im Ohr: Ja. Jetzt."
Paul stand auf und ging ans Fenster. Die Hände
hielt er hinter dem Rücken verschränkt, die Oberschenkel presste
er gegen das Fensterbrett. "Ich weiß gar nicht mehr",
erzählte er weiter, "wer auf die Idee mit diesem Ausflug kam.
Eigentlich haben wir uns nie für Tiere interessiert, weder ich noch
Nina. Die Höhle ist 25 Meter hoch, las Nina aus ihrem Reiseführer
vor, und hat fast kein natürliches Licht. Sie dient den Vögeln
als Brutplatz. Aber die Vögel waren nicht einmal hübsch. Im
Reiseführer waren Bilder von ihnen. Graue Körper, winzige Köpfe,
krumme Schnäbel.
Wir waren die einzigen Besucher. Der Tag war diesig.
Wir ließen unseren Jeep auf dem Parkplatz stehen und folgten den
zweisprachigen Hinweisschildern. Am Weg lag ein Selbstbedienungsrestaurant
mit Plastikstühlen und einer Tafel mit Eissorten. Ein Kellner polierte
die Theke und lächelte uns zu. Den Eingang zur Höhle konnte
man schon von weitem sehen, ein gähnendes Loch. Und vor allem konnte
man es riechen. Schwaden von Ammoniak, beißend und dick. Ich erinnere
mich, dass ich tief einatmete, ehe ich die Taschenlampe anknipste.
Zuerst konnte man gar nichts sehen. Der Lichtstrahl
war zu schwach, um bis an die Felsdecke zu reichen. Erst als sich meine
Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnten, wurde mir klar, wie hoch
und wie weitläufig die Höhle war. Der Geruch war jetzt so scharf,
dass ich Kopfschmerzen bekam. Das Schlagen von Tausenden winziger Flügel
ließ mein Trommelfell vibrieren. Ich ahnte, dass sie dort oben sein
mussten, dass sie in die Felsvorsprünge unter der Kuppel ihre Nester
gebaut hatten. Ästchen knackten unter meinen Sohlen. Mit jedem
Schritt sank ich tiefer in den Boden ein.
Nina ließ einen unterdrückten Schrei los
und ich blieb stehen. Direkt vor mir, nur ein paar Zentimeter von meiner
Schuhspitze entfernt, lag ein junger Vogel. Es war nicht größer
als ein kleiner Finger, und sein Gefieder war verklebt. Winzige Krallen,
Stecknadelkopfaugen. Kaum älter als ein paar Stunden, schätze
ich. Im Schein der Taschenlampe zitterte er. Schau nicht hin, sagte ich,
vielleicht gehst du besser schon raus. Warum, fragte sie, was hast du
vor? Und dann, zwei Finger an der Schläfe: Du willst ihn doch nicht
totmachen?
Was denn sonst? fragte ich, willst du ihn hier verhungern
lassen? Und ich sagte es noch einmal: Schau nicht hin, schloss selbst
die Augen, hob meinen Fuß und zielte. Ich glaube, ich habe ihn gleich
getroffen, aber sicher bin ich nicht. Federn und Knöchelchen fühlen
sich unter der Schuhsohle kaum anders an als die Zweige auf dem Höhlenboden.
Erst am Ausgang der Höhle fing sie an zu kotzen.
Sie krümmte sich, eine Hand an der Felswand abgestützt. Die
Haare fielen ihr ins Gesicht, während sie sich den Magen hielt und
alles aus ihr heraus sprudelte. Ich versuchte sie zu halten. Sie drückte
meine Hand weg. Ich war erstaunt über ihre Kraft.
Wortkarg und blass, so war sie an diesem Tag, und so
blieb sie bis zum Ende unserer Reise. Nachts wickelte sie sich so eng
in ihre Decke, dass ich keinen Finger breit von ihr zu fassen bekam. Ich
weiß nicht, ob sie sich da schon entschieden hatte, mich zu verlassen.
Den Helden, der keiner mehr war, der kleine Vögel totmachte, statt
sie zu retten. Gesagt hat sie es mir erst am Tag unserer Abreise. In einem
Hotel in Kuala Lumpur. Sie fand es landestypisch. Ich fand es einfach
nur schäbig.
Ich erinnere mich an die Stühle in der Lobby, Korbstühle
mit herausstehenden Splittern, man musste immer aufpassen, dass man seine
Fingerkuppen nicht daran aufspießte. Ich erinnere mich an die lärmende
Klimaanlage. Und das braune Wägelchen, auf dem unsere Koffer aufgebahrt
waren. Der Flughafenbus sollte jeden Moment kommen.
Nina trug ein Leinenkleid in der Farbe ihrer Sommersprossen.
Ich sehe noch vor mir, wie sie aufsteht, ihre Haare im Nacken zusammenfasst
und einen Knoten hineinschlingt. Sie waren so fest und lang, dass so ein
Knoten den ganzen Abend halten konnte. Sie zupfte sich noch eine Strähne
aus der Frisur, blies sie dann gleich wieder aus dem Gesicht. Und dann
sagte sie es mir. Ich will das Kind nicht, das waren ihre Worte. Plötzlich
machte alles Sinn: Ihre ungewohnte Art, sich zu bewegen, die Beckenknochen
vorgeschoben, ihre Übelkeit, ihre Lichtempfindlichkeit. Und dich.
Dich will ich auch nicht mehr. Fast ein bisschen verblüfft klang
sie, als sie das sagte, als hätte sie es selbst noch nicht verstanden.
Ich hätte etwas erwidern müssen. Natürlich,
ich hätte sie beschwören können, bei mir zu bleiben, hätte
ihr versichern können, dass ich mich auf das Baby freute, von dem
ich noch gar nichts gewusst hatte, hätte ihr Dinge bieten können,
eine größere Wohnung, einen Job, bei dem ich nicht mehr reisen
musste. Aber mein Kopf fühlte sich an, als sei darin etwas explodiert.
Im gleichen Moment hatte sie eine Tür geöffnet und sie dann
vor meiner Nase zugeknallt, hatte einen Entschluss gefasst, unterstrichen
mit einer Geste: die Hände im Schoß, Finger verschränkt,
ihre Haltung duldete keinen Widerspruch, weniger noch als ihre Worte.
Ich stand auf ohne sie zu berühren, durchquerte
die Halle und ging hinaus auf die Veranda. Die Luft war feucht, Waschküche.
Meine Sonnenbrille beschlug. Das Meer war dunkelblau. Die gleiche Farbe
wie der Wollpullover, den ich in meinen Tagträumen vom Herbst angehabt
hatte. Und da stand ich und fühlte mich, als hätte mir jemand
den Stecker gezogen." Er atmete laut durch die Nase aus. "Ja.
So war das."
"Sie hat das Kind nicht bekommen?"
"Am Abend danach hat sie zum letzten Mal in unserer
Wohnung geschlafen. Sie war wie ausgelöscht."
Der Nerv unter seinem linken Augen hatte wieder zu zucken
begonnen. Paul fixierte ihn mit einem Finger seiner freien Hand.
Karin stand auf, umrundete das Bett und stellte sich neben ihn. Dann
legte sie ihm eine Hand auf den Arm. Paul zog geräuschvoll Luft
ein.
"Was sagtest du, wann sie kommen?"
"Sie müssen jeden Moment da sein."
"Ich bin dran."
"Womit?"
"Es ist meine letzte Geschichte."
"Wovon handelt sie?"
"Von meiner Großmutter", sagte sie,
"ich denke oft an sie."
Paul verdrehte die Augen und rückte ein Stück
ab.
"Manchmal fragst du dich, was sie an deiner Stelle
tun würde. Oder lachst über einen Witz, den sie vor Jahren
gemacht hat. Ich kann mir genau vorstellen, was jetzt kommt."
"Nein", sagte Karin. Sie hielt ihren Oberarm
fest, dort, wo sie eben Paul berührt hatte. "Es ist anders",
fuhr sie fort, "als würde sie mich von irgendwoher beobachten,
durch eine Einwegscheibe. Seitdem sie tot ist, bin ich beruhigt.
Jetzt muss ich keine Angst mehr davor haben, dass sie stirbt."
Karin fuhr mit beiden Händen über ihre Wangen.
Sie schwieg
"Was ist?"
"Ich mache es genau so wie du."
Paul nickte ungeduldig.
"Ich erzähle die Geschichte nicht dir. Ich
erzähle sie ihm."
Krachend brach ein Eiszapfen von der Dachrinne ab. Paul
presste noch immer die Fingerkuppe unter sein linkes Auge. Dann durchquerte
er das Zimmer und ließ sich wieder in den Sessel fallen. Karin
befeuchtete ihre Unterlippe mit der Zungenspitze.
"Seitdem ich nicht mehr zu Hause wohne, habe ich
sie kaum noch besucht", sagte sie und sah in Richtung des leblosen
Körpers auf dem Bett, "selbst wenn ich übers Wochenende
bei meinen Eltern war. Und das, obwohl sie nur zwei Straßen weiter
wohnte. Das einzige schöne war das Ankommen. Ich hatte einen Schlüssel.
Wenn sie den im Schloss hörte, setzte sie sich in Positur auf dem
Treppenabsatz, auf einem alten Überseekoffer voller Tischdecken,
und erwartete mich.
Ich mochte die Art wie sie dasaß, die Knie auseinander,
die Fersen leicht nach außen gestellt, die Hände im Schoß
zusammen gelegt. Sie hat so auf diesem Platz gesessen, so lange ich denken
kann. Und obwohl ihr Körper zum Schluss immer kleiner und zerbrechlicher
wurde, hat sich nichts an der Haltung geändert, in der sie mich
erwartete.
Schwierig wurde es immer erst, nachdem ich meinen Mantel
an einen der Garderobenhaken gehängt hatte. Wir tauschten Höflichkeiten
aus, gut siehst du aus, warst du beim Friseur, während sie die quietschende
Tür des Holzschrankes mit dem Intarsienmuster öffnete, Teetassen
und eine Tüte mit weich gewordenem Russisch Brot heraus nahm. Hagere
Kekse, aus denen ich als Kind Nachmittage lang versucht hatte, meinen
Namen zu legen. Meistens fehlte ein Buchstabe.
Ich dachte, sie müsste sich für die Welt draußen
um so mehr interessieren, desto weniger sie selbst erlebte. Außer
dem Gemüsemann mit seinem mobilen Marktstand kam sie ja kaum noch
jemand besuchen. Ich dachte, sie würde sich ereifern über die
Launen meines Chefs, über Catherines neueste Affären. Ich dachte,
sie würde sich für Hans interessieren. Doch je mehr sie in sich
zusammen sank, desto weniger neues konnte sie aufnehmen. Sie wollte nicht
mehr zuhören, nur noch erzählen. Und es blieben immer weniger
Geschichten übrig.
Zum Schluss verhedderte sie sich in einer Endlosschleife.
Immer wieder ging es um ein Dienstmädchen im Haus ihrer Eltern, das
eines Tages kurz vor Weihnachten mit ihr zum Eislaufplatz gegangen war,
um sich dort mit einem Verehrer zu treffen. Währenddessen musste
sie, das kleine Mädchen, das später meine Großmutter werden
sollte, hinter einem Kohleofen in der Wärmestube sitzen. Während
sie erzählte, biss sie Stückchen von ihrem Russisch Brot ab.
Wenn ich ihre Kaugeräusche nicht mehr ertragen konnte, ging ich auf
die Toilette und steckte meine Nase in ein Potpourri mit Waldaroma. Jedes
Mal war ich enttäuscht. Es duftete seit Jahren nach gar nichts mehr.
Bald würde es die Toilettengerüche meiner Großmutter
annehmen.
Ich ertrug es selten länger als zwei Stunden bei
ihr. Wenn ich ging, war ich erleichtert. Aber das hielt nie länger
vor als bis Sonntag Nacht. Dann lag ich wieder neben Hans im Bett und
versuchte, nicht auf seinen geöffneten Mund zu schauen."
Karin schloss die Augen. Die Hände neben ihren
Hüften hatten sich um das Fensterbrett verkrampft. Die Fingerknöchel
traten weiß hervor. "Und?", fragte Paul leise.
"Zwei Monate vor ihrem Tod habe ich sie zum ersten
Mal in der Klinik besucht", sagte Karin und strich mit beiden Händen
ihre Koteletten glatt. "Sie war nach einem Schwächeanfall eingeliefert
worden, unbedenklich eigentlich, aber zur Sicherheit, wie die Ärzte
sagten. Ich wusste, dass mich ihr Anblick eigentlich rühren sollte.
Ihre weißen Wimpern, das hellblaue Bändchen, mit dem man ihr
das Nachthemd über der Kehle zusammen gebunden hatte. Aber in mir
war es ganz still. Ich ekelte mich sogar ein bisschen vor den kalt gewordenen
Lebensresten um sie herum. Ein Löffel angetrocknetes Apfelkompott
in einem Plastikschälchen, eine zerknitterte Serviette, der Geruch
nach fauligem Blumenwasser, Ammoniak, Desinfektionsmittel.
Sie fing ausnahmsweise nicht mit dem Tag auf dem Eislaufplatz
an. Stattdessen beklagte sie sich, dass die Bettnachbarin einen Hang zu
Volksmusiksendungen im Fernsehen hatte. Und sie schmiedete Zukunftspläne.
Eine Gehhilfe wollte sie anschaffen für die Zeit nach dem Krankenhaus.
Vielleicht würde sie auch eine Putzfrau brauchen.
Während sie sprach, schaute ich mir ein Foto auf
ihrem fahrbaren Nachttisch an. Es war ein Schwarzweißbild mit gezacktem
Rahmen, das im Lauf der Jahrzehnte einen Sepiaton angenommen hatte. Auf
dem Foto war meine Großmutter jung. Ihr Gesicht war glatt, unfertig,
wie ein Entwurf. Auf jeden Fall musste sie jünger sein als ich
jetzt. Denn das Kind in ihren Armen war eindeutig mein Vater. Nicht
mehr ganz Baby, noch nicht ganz Kleinkind.
Auf dem Foto liegt sie rücklings auf einer Wiese
und hat den kleinen Jungen, der später mein Vater werden wird, um
die Taille gefasst. Mit ausgestreckten Armen hebt sie ihn in die Luft.
Deshalb ist ihre weiße Bluse aus dem Bund ihres Rockes gerutscht
und gibt einen Streifen Haut über ihrem Nabel frei. Mein Vater strahlt,
meine Großmutter hat die Augen geschlossen. Sie lächelt in
Ekstase und biegt dem Kind ihren Körper entgegen, weniger wie eine
Mutter, eher wie eine Geliebte.
Wie sinnlich du da aussiehst!, sagte ich zu ihr. Sie
hob den Kopf und sah mich verwirrt an. Ich weiß nicht, ob sie da
schon wieder in ihre Kindheit abgerutscht war oder sich noch in der Gegenwart
hielt. Sie bewegte sich auf unsicherem Boden. Bitte?, fragte sie schließlich.
Etwa zehn Tage später sah ich sie wieder. Sie erkannte
uns nicht mehr. Sie hielt mich für ihre Tochter und meinen Vater
für ihren Mann. Ich stellte mir vor, dass es unsere letzte Begegnung
sein würde, aber ich spürte nichts dabei. Was sie selbst noch
ahnte, war schwer zu sagen. Immer wieder schlief sie unvermittelt ein,
atmete dabei leicht und flach wie ein Baby, mit offenem Mund, erinnerte
mich mit ihrem feucht gekringelten Haar über der Stirn und ihrem
weißen Hemd mehr und mehr an ein Neugeborenes. Irgendwann erkannte
sie keinen mehr, wenn sie die fast wimpernlosen Lider aufschlug.
Danach wechselten wir uns ab, mein Vater, seine Schwester
und ich. Wir wollen dich dem nicht aussetzen, sagte meine Tante anfangs
zu mir, aber nachdem es drei, vier, sieben Wochen gedauert hatte,
und ich die einzige Enkelin blieb, die sich in die Nachtschichten
einreihte, sagte sie bald nichts mehr. Sie war froh, wenn sie etwas Schlaf bekam."
Karin rieb sich die Augen. "Ich habe versagt",
sie klang heiser, "dabei dachte ich, es sei wie bei der Reise nach
Jerusalem: Auch da war immer ein Stuhl hinter mir, der mich auffing, wenn
die Musik stoppte. Mein Vater hat geweint, wenn er an Großmutters
Bett saß, und es dann auf seine Allergien geschoben. Meine Tante
sang ihr Lieder vor, das konnte sie, sie hatte drei Kinder aufgezogen.
Ich konnte kein einziges Lied auswendig. Ausgerechnet ich, die ich von
nichts wusste, ich war da in der entscheidenden Nacht. Aber ich war nicht
an ihrem Bett. Ich saß auf der Toilette und blutete. Ich kann mich
nicht erinnern, dass ich jemals so stark meine Tage bekommen habe. Wahrscheinlich
war ich nicht länger weg als eine Viertelstunde. Aber die war es,
auf die es angekommen wäre. Ich höre noch das Geräusch
meiner Sohlen auf Linoleum, und die Stimme der Nachtschwester, die
mir entgegen kommt:
Erschrecken Sie nicht. Ihre Großmutter hat es
geschaftt.
Auch auf der Beerdigung musste ich nicht weinen. Die
Tränen der anderen steckten mich nicht an. Darüber war ich enttäuscht.
Ich hatte lange nicht mehr geweint. Und ich hatte im Stillen gehofft,
dass ich an diesem Tag mehr ausschwemmen konnte als nur ein paar Kindheits-erinnerungen
an Herbsttage mit Kakao und Walnüssen und an ein Wohnzimmer mit Samtvorhängen,
in dem es still war wie unter Wasser.
Aber ich blieb unbewegt, als meine Schaufel Erde auf
den Sarg fiel. Ich hatte nichts anderes erwartet, niemals Talent für
Ballspiele gehabt, nicht einmal die Erde konnte ich so werfen, dass sie
vorher noch einmal zum Himmel stieg. Ich blieb unbewegt beim Anblick des
Holzkreuzes, auf dem ihr Name in Goldlettern stand: ein Rechtschreibfehler
in ihrem Mädchennamen. Ich blieb auch dann noch unbewegt, als mein
Vater erzählte, dass sie noch immer Briefe bekam. Von ihrer Bank,
von der Lotteriegesellschaft, vom Tierschutzverein.
Weinen musste ich erst, als die Trauergesellschaft auf
dem Rückweg vom Grab eine andere Route nahm und wir bei einer Gabelung
ankamen. Der Weg führte um eine Wiese herum, gabelte sich, vereinte
sich wieder am Nordeingang des Friedhofes. Ich kannte diesen Weg. Und
plötzlich fiel es mir auch wieder ein, das Spiel, das ich als Kind
mit meiner Großmutter gespielt hatte, wenn wir frische Blumen
auf das Grab ihres Mannes legten. Oder im Winter die gefrorene Erde
mit einer Spitzhacke lockerten, dort, wo auch sie jetzt begraben
liegt
Ich erinnere mich sogar noch, wie ich ihr unser Spiel zum
ersten Mal vorschlug: Guck mal Omi, du gehst da lang und ich geh hier
lang, und wenn wir uns da oben wieder treffen, dann tust du so, als würden
wir uns zufällig sehen, als wär ich jemand anderes, machen
wir das, Omi?
Das Spiel wurde mir über Jahre nicht langweilig.
Die Angst auf halbem Wege, sie könnte mich vergessen, dort auf der
anderen Seite der Wiese, sie war doch damals noch so kräftig, mit
einem schmalen Gürtelchen über dem Hemdblusenkleid. Schließlich
die Lust, sie wiederzusehen an der Weggabelung, an der ich jetzt
nach Jahren wieder stand.
Ich fing an zu weinen, weniger vor Trauer als vor Schreck, weil mir
auf einmal klar wurde, dass ich um einen Platz aufgerückt war. Ich hatte
keine Großmutter mehr. Auf einmal gehörte ich zur nächsten
Generation. Und auf einmal wusste ich, dass ich ein Kind wollte.
Einen Menschen, der mich im Leben verhaftet wie ein Klettverschluss."
Eine feuchte Haarsträhne klebte ihr an der Stirn.
Paul wollte aufstehen und sie wegstreichen, und dann wartete er damit,
bis Karin die Tränen kamen. Und schließlich blieb er doch
auf seinem Platz sitzen, unbeweglich, wie festgefroren.
Sie hatte ein bisschen geweint, dann war sie duschen
gegangen, später war sie eingeschlafen. Sie lag auf dem Rücken,
eine Hand auf ihrem Bauch, und atmete geräuschvoll. Der Tote neben
ihr schien sie nicht zu stören. Sie musste sehr müde sein.
Im Zimmer lag ein schwacher Geruch von Ammoniak. Paul
hätte nicht sagen können, von wem er ausging. Vielleicht war
es Grünberg, der sich langsam zersetzte, Organe, die noch immer arbeiteten,
so wie ein Motor, der nicht sofort zum Stillstand kommt, wenn man bei
der Fahrt den Zündschlüssel zieht. Vielleicht roch auch Karins
feuchte, lang getragene Kleidung, roch nach ihrem Körperinneren,
nach Verdauung und Schwangerschaft.
Vor dem Fenster war es heller geworden. Paul stand auf
und schob die Gardine zur Seite um nachzusehen, woher das Licht kam. Ein
Mond, staubig und zitronenförmig, schickte seine Strahlen durch das
Fenster. In der fahlen Beleuchtung verschmolz das Alpenmassiv zu einer
Trennwand am Horizont. Karin lag jetzt genau so da wie Grünberg,
die Beine leicht gespreizt unter der Decke, den Unterkiefer herunter geklappt.
Ihre Zähne schimmerten hell, auf der Wange zeichnete sich eine
Kissenfalte ab.
Als Kind hatte er seiner Mutter so beim Nachmittagsschlaf
zugesehen. Immer waren ihre Hände auf der Decke gefaltet, die Zehen
in der immer gleichen Haltung, leicht nach außen gekippt. Täglich
hatte er Angst gehabt, sie könnte nicht mehr aufwachen. Machmal war
sie vom Geräusch seiner Finger auf dem Parkettboden aufgewacht, wenn
er sich auf alle viere kauerte, um besser sehen zu können, ob sich
ihre Hände noch mit der Bettdecke hoben und senkten. Was ist, kannst
du nicht woanders spielen?
Karin seufzte und drehte sich auf den Bauch. Ihre Haare
glänzten feucht im Halbdunkel. Wenn ich wenigstens darauf Lust hätte,
dachte Paul: Ihr diese Decke von den Schultern ziehen und mit beiden Händen
ihren Kopf halten. Er trat an das Bett und legte zwei Finger an ihre Schläfe.
Ihre Haut war warm.
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