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Mein Freund, der Drache
An diesem Sonntagmorgen war der kleine Ritter Rufus sehr unglücklich.
Schon seit einer halben Stunde saß er im Lehnstuhl in der großen
Halle der Burg und pulte mit dem Zeigefinger ein Loch in den roten
Samtbezug. Wenn Rufus' Vater die Seiten seiner Sonntagszeitung umblätterte,
knarzten die Scharniere seiner silbern blitzenden Festtagsrüstung.
Sonst war es ganz still.
Draußen schien die Sonne, Vögel zwitscherten,
und ein warmer Wind blies in die Halle mit ihren feuchten Wänden.
Aber Rufus saß noch
immer im Lehnstuhl und ließ betrübt die Beine baumeln. Das
Loch im Samtbezug war jetzt so groß, dass er zwei Finger auf einmal
hinein stecken konnte. Schließlich stand er auf, stellte sich
hinter seinen Vater und warf einen Blick in die aufgeschlagene Zeitung.
Auf einem Foto war ein riesiges Tier zu sehen, aus dessen Maul
Feuer und Rauch quollen. Es hatte grüne Schuppen, und seine Augen
waren blutunterlaufen. Seine Krallen sahen aus, als könnten sie
mühelos
einen ausgewachsenen Ritter samt Pferd aufspießen und zum Frühstück
verspeisen. Die Überschrift konnte Ritter Rufus nur erraten. Denn
er ging erst seit dem letzten Herbst in die Schule und hatte noch
nicht alle Buchstaben gelernt. Aber ein Wort entzifferte er mühelos:
DRACHENANGRIFF!, stand in fetter Schrift über dem Foto.
So lange der Vater las (seine Lieblingszeitung hieß »Ritter
heute«), wollte er nicht gestört werden. Nur wenn das Telefon
klingelte, stand er seufzend auf und griff nach dem Hörer. Denn
es konnte immer passieren, dass Kronprinz Dietmar der Dämliche
am Apparat war. Der rief immer dann an, wenn er sich langweilte und
Lust hatte, mit einer Prinzessin zu Mittag oder zu Abend zu essen.
Manchmal auch am Wochenende. Dann musste der Vater losreiten, die
Prinzessin in ihrer eigenen Burg abholen und auf das Schloss des Kronprinzen
bringen.
Es war eine gefährliche Aufgabe. Denn meistens
bewachten feuerspeiende Drachen die Burgen, in denen die Prinzessinnen
wohnten. Und nach allem, was der Vater erzählte, waren die Wachdrachen
mindestens so groß und
so gefährlich wie der auf dem Zeitungsfoto.
Wenn Dietmar der Dämliche anrief, legte der
Vater schnell die Festtagsrüstung ab, zog seinen Kampfanzug an
und sattelte sein Pferd. Die Mutter lief mit einem Tuch hinter dem
Vater her, putzte an den Rostflecken auf dem Brustpanzer herum und
schimpfte auf den Kronprinzen. »Faul
ist er!«, sagte sie, »dazu total beschränkt und potthässlich.
Aus seiner Nase wachsen lange Haare, und waschen tut er sich nur
zu Weihnachten. Die armen Prinzessinnen. Und für so einen musst
du deinen Kopf hinhalten!«
Der Vater blätterte eine Zeitungsseite um und
atmete tief aus. »Wieso
gehst du nicht raus und spielst etwas?«, fragte er, ohne aufzublicken.
»Du, Papa«, sagte Rufus und schluckte, »ich
muss dir was...«
Aber der Vater ließ ihn nicht ausreden.
»Mein lieber Ritter Rufus von und zu Hieb- und Stichfest«,
sagte er, »es
ist Sonntag, es ist bestes Wetter. Wozu habe ich dir zum Geburtstag
ein Schwert geschenkt, wenn du nicht am Wochenende damit üben gehst?«
Rufus schluckte. Wenn der Vater ihn mit seinem vollen Namen
anredete, war er nicht gut auf ihn zu sprechen.
»Das ist es ja«, fing Rufus noch einmal an, »das
Schwert....«
Aber der Vater hatte sich schon wieder in die Zeitung vertieft
und schüttelte beim Lesen den Kopf.
Ritter Rufus zuckte die Achseln, seufzte leise und ging durch
die große Halle nach draußen, wo seine Mutter im Schatten
der Zinnen einen Liegestuhl aufgeklappt hatte. Ihren spitzen Hut
hatte sie neben sich gelegt, und statt einem langen Kleid mit weiten Ärmeln
trug sie einen Badeanzug aus Samt.
»Du bist ja gar nicht auf der Wiese, mein Schatz«,
sagte die Mutter und schlug träge die Augen auf. »Ich dachte, du
wolltest üben
gehen.«
»Ja«, sagte Rufus, »aber das neue
Schwert....«
»Mach dir keine Sorgen«, sagte die Mutter, »das
wird schon werden. Weißt du, als Papa noch klein war, konnte er
auch noch nicht so gut kämpfen wie heute.« Und sie streckte ihre
Arme nach dem kleinen Ritter aus, um ihn auf ihren Schoß zu ziehen.
Aber dann sollte er auch ganz schnell wieder aufstehen, weil die
spitzen Ellenbogen seiner Rüstung sie piekten.
»Na gut«, sagte Rufus, »ich geh dann mal
los.«
»Viel Spaß«, sagt die Mutter, »aber
lauf nicht zu weit weg, und pass bloß auf wegen der Drachen! Gerade
gestern soll es einen schlimmen Angriff auf die Nachbarburg gegeben
haben.«
Hoffentlich guckt jetzt keiner, dachte der kleine Ritter, als
er über
die Zugbrücke lief und dann nach rechts abbog, in Richtung der
großen grünen Wiese. Denn von den Zinnen der Burg aus hätte
jeder sehen können, dass er kein Schwert dabei hatte.
Am Freitag war es gewesen, auf dem Nachhauseweg. Zwei Jungen
aus der Klasse über ihm hatten Rufus kurz vor der Zugbrücke
den Weg verstellt.
»Na, Rufi, du kleiner Hosenscheißer?«,
hatte der größere
gesagt, und der zweite, ein kleiner Dicker, schlug ihm einfach das
Schwert aus der Hand. »Schickes Ding«, feixte der Große,
»wollen wir mal sehen, wie weit es fliegen kann?«
Und so segelte das Geburtstagsgeschenk des Vaters hoch oben
durch die Luft und landete irgendwo, vielleicht im hohen Gras, vielleicht
im Gebüsch. Fast eine Stunde lang hatte Rufus danach gesucht, aber
es nirgends gefunden. Und jetzt war Sonntag, und er hatte seinen
Eltern immer noch nicht gebeichtet, dass es weg war.
Möglicherweise würden sie böse sein
und schimpfen. Vielleicht würden sie ihm nicht einmal glauben,
dass die beiden fremden Jungen Schuld waren. Wahrscheinlich würden
sie denken, er hätte es irgendwo liegen gelassen. Denn schon in
den letzten drei Wochen hatte er erst seine Sporttasche verloren, dann
seine Schulbücher
so nahe ans Kaminfeuer gelegt, dass sie angesengt waren, und schließlich
aus Versehen den Lieblingsweinkrug seiner Mutter umgeworfen.
Die große grüne Wiese lag ein bisschen
versteckt hinter einer Flussbiegung, und Rufus kam immer hierher, wenn
er allein sein wollte. Sie war fast eine halbe Stunde Fußweg von
der Übungswiese
der Ritterschule entfernt, wo die Großen ihre Turnierkämpfe
ausfochten und die Kleineren in Schwertkampf und Reiten für Anfänger
unterrichtet wurden. Die meisten von Rufus' Klassenkameraden liebten
diese Stunden. Er selbst war immer froh, wenn sie vorbei waren. Denn
oft fiel er vom Pferd, und bekam vom Kämpfen Blasen an den Fingern.
Dafür war er gut in Burgenkunde und beim Minnesang. Dieses Fach
unterrichtete Herr Heiserchen. Der Lehrer war schon sehr alt, hatte
einen weißem Bart, und er kannte wunderschöne Lieder, in
denen es um die Liebe von Rittern und edlen Prinzessinnen ging.
Oft träumte der kleine Ritter davon, wie er
mit der Laute vor dem Fenster einer Prinzessin stand, Musik machte und
selbst ausgedachte Verse dazu sang, bis sie ihn hereinließ in
ihr Zimmer. Dort würden
sie zusammen Kakao trinken. Und dann würde er ihr beibringen, wie
man die Saiten der Laute zupfte. Eigentlich hätte Rufus am liebsten
eine Schwester gehabt, mit der er spielen konnte. Aber eine Prinzessin
zur Freundin zu haben, so dachte er, wäre sicher auch ganz schön.
Nachdenklich stapfte er durch das hohe Gras und hielt Ausschau
nach seinem Schwert. Immer wieder meinte er, etwas glitzern zu sehen,
aber dann war es doch nur wieder eine Pfütze, in der sich die Sonne
spiegelte, oder ein metallener Handschuh, der vergessen im hohen
Gras lag. Schließlich setzte er sich unter eine große Linde,
um sich ein bisschen auszuruhen. Der Baumstamm in seinem Rücken
war warm, er klappte sein Visier halb herunter und döste.
»Pass bloß auf wegen der Drachen!«, hörte
er im Halbschlaf noch einmal die Stimme seiner Mutter. Er musste
an die Bilder denken, die der Lehrer neulich im Unterricht gezeigt hatte.
Mäuler
voller spitzer Zähne, aus denen Feuerwolken quollen, Schuppenpanzer,
grimmige Gesichter. »Wenn Ihr so ein Tier seht, habt ihr nur zwei
Möglichkeiten«,
hatte die Lehrerin Frau Tollkühn gesagt. »Entweder weglaufen oder
hinlegen und totstellen. Später, wenn ihr gut genug mit dem Schwert
umgehen könnt, dürft ihr natürlich auch mit ihnen kämpfen.«
Na gut, dachte der kleine Ritter, wenn jetzt wirklich ein Drache
vorbeikommt, kann mir nicht viel passieren. Ich liege ja schon auf
dem Boden.
Nach ein paar Minuten weckte ihn ein Geräusch.
Etwas in den Zweigen über
ihm klirrte metallisch. »Diese Linde hat aber komische Blätter«,
dachte er. Aber als er die Augen öffnete und nach oben blickte,
sah er etwas zwischen den Ästen blitzen, das ihm bekannt vorkam.
Das war doch sein Schwert! Es war in der Krone des Baumes gelandet.
Er stand auf und versuchte, sich am Stamm hochzuhangeln. Aber
er merkte schnell, dass er so nicht weiterkam. Die Äste, an denen
er sich hätte festhalten können, waren viel zu weit oben.
»Immerhin«,
sagte Rufus zu sich selbst, »immerhin weiß ich jetzt, wo
es ist. Nach dem Mittagessen kann ich ja noch mal zurückkommen
und mir überlegen,
wie ich es da wieder runterhole.«
Er wandte sich ab und stapfte durch das hohe Gras zurück
in Richtung Burg. Sonntags machte immer der Vater das Mittagessen,
und sehr oft gab es Ritter-Ravioli. Die mochte der kleine Ritter
am liebsten, lieber noch als Spanferkel, Birnenkompott und Tomatensauce.
Und so war er gerade um die Ecke verschwunden, als ein Tier mit grünen
Schuppen und einer karierten Umhängetasche von der anderen Seite
die Wiese betrat.
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