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Prolog »Irgendwie, irgendwann«
Man kehrt immer zu seiner ersten Liebe zurück, sagt man in Frankreich
- on revient toujours à ses premiers amours. Ich weiß noch,
wie ich erschrak, als ich diesen Satz zum ersten Mal las. Und dass ich
ihn nicht glauben wollte. Wie auch. Ich wollte ja gar nicht, dass es
soweit kam. Ich wollte nicht gehen und zurückkehren. Sondern bleiben
und warten, so lange, bis Anton Olbricht einsah, dass gegen mich kein
Kraut gewachsen war. Dass er sich ergeben musste.
Obwohl ich gerade mal zwölf Jahre alt war und er beinahe 40.
Obwohl er mit meiner Mutter schlief.
Und obwohl eine andere sein Kind zur Welt brachte.
Wann ich aufgehört habe, zu warten, kann ich heute nicht mehr sagen.
Vielleicht an diesem Abend, als ich in Schluchsee einen Zug bestieg, überrascht,
dass ich meine Lungen nicht einfach vom Weiteratmen abhalten konnte.
Vielleicht eine Woche später, als auf der Schleiflackkommode im
Flur ein Brief an mich lag, den ich nie beantwortet habe. Vielleicht,
als ich aus der Zeitung erfuhr, dass Anton Olbricht Freiburg verlassen
hatte, um für immer in seinem Haus in Umbrien zu leben.
Natürlich bildete ich mir damals ein, ich sei der Grund für
seine Flucht. Als wäre es eine Art Sieg, dass er alles tat, um
meine Nähe zu vermeiden. Aber natürlich wusste ich es besser.
So wichtig war ich ihm nicht. Nie.
Es ist ein schöner Septembertag, und zum ersten Mal seit beinahe
zwei Jahrzehnten liest Anton Olbricht in seiner Heimatstadt aus einem
neuen Roman. Selbstverständlich nicht an einem profanen Ort wie
dem Theatercafé oder in einem Buchladen. Sondern in einer Privatvilla
auf dem Lorettoberg.
Der Badenpost war die Lesung eine Aufmachergeschichte im Feuilleton
wert, eine Rezension und ein Porträt. Schließlich ist Anton
Olbricht der einzige Freiburger Schriftsteller, der gleich mehrere bedeutende
Literaturpreise gewonnen hat. Sogar in den USA stand er schon auf den
Bestsellerlisten. Eine Zeitlang sah man ihn gelegentlich in Talkshows.
Als Quotenintellektueller lächelte er sich durch sonntägliche
Herrenrunden im Öffentlich-Rechtlichen, und man wusste nie, ob
er mit den anderen lachte oder über sie. Dann wurde es ein paar
Jahre still um ihn, bei Google fand ich unter seinem Namen kaum noch
nennenswerte neue Einträge.
Sein Alter, seine Krankheit: Auf dem Zeitungsfoto sieht man es ihm
nicht an. Immer noch diese ausgeprägten Kieferknochen, der volle
Mund, diese Ozeanaugen. Anton Olbrichts Brauen sind buschiger geworden,
die Härchen wuchern in verschiedene Richtungen. Aber die Locken
sind ab. Wie die meisten Männer, die vor 20 Jahren lange Haare
hatten, trägt er den Rest davon jetzt militärisch kurz. Das
sieht gut aus und relativiert eine Glatze, ohne sie zu verstecken.
Die Buchkritik nahm fast eine halbe Seite ein, und wie üblich überschlug
sich die Literaturredakteurin vor Begeisterung. Es ist immer noch dieselbe
Frau, die Anton Olbricht damals zum ersten Mal für die Badenpost
interviewt hat. Jedes Mal, wenn ich die Besprechungen mit dem Doppelnamen
darunter lese, frage ich mich, wie nahe sie ihm wohl in all den Jahren
gekommen ist. Aber wahrscheinlich ist sie nur ein Geistes-Groupie, glücklich,
wenn der Meister mal wieder das Wort an sie richtet. Vorhin habe ich
sie gesehen, sie stand in der Schlange vor der Damentoilette und zwirbelte
ihren einzelnen Silberohrring.
Ich mag Romane nicht besonders, und Anton Olbrichts Bücher schon
gar nicht. Sie sind mir zu geschwätzig. Aber ich die Titel finde
ich gut, klar und ökonomisch, zwei bis drei Silben, fertig. Vaterhaus,
Kriegsdienst, Erbteil. Als ich den Titel des neuesten Romans las, wurde
mir ein bisschen flau. Nach all der Zeit fürchte und hoffe ich
schließlich noch immer, Anton Olbricht könnte eines Tages über
mich schreiben. All die Jahre waren seine Bücher für mich
unheimliche Gebäude, bevölkert von Gespenstern. Gebäude,
durch die ich ging und mich vor jeder neuen Tür fürchtete.
Jederzeit konnte ich dabei einem Menschen begegnen, den ich kannte.
Schlimmstenfalls und bestenfalls mir selbst.
Aber beim Lesen der Rezension wurde mir rasch klar, dass auch dieses
Buch nichts mit mir zu tun hat. Die Heldin – falls man das so
nennen kann – ist eine zum Islam konvertierte Enddreißigerin,
die in einem Versteck im Hochschwarzwald auf ihren Einsatz als Selbstmordattentäterin
wartet und dabei einen Brief an ihren Vater schreibt.
Mit seinem neuen Werk knüpfe der Autor an seine frühen Romane
an - so die Rezensentin -, und thematisiere als einer der ersten
international renommierten Autoren das existentielle Bedrohungsgefühl
unseres Jahrzehnts, das in vieler Hinsicht der weit verbreiteten Apokalypse-Angst
der Achtziger Jahre gleiche. Das Schreckgespenst atomarer Bedrohung
sei heute neuen, aber nicht minder bedrohlichen Schimären gewichen:
dem Islamismus und der Globalisierung.
Wer für solche Formulierungen bezahlt wird, der hat wahrscheinlich
kein Geld für einen vernünftigen Friseur. Oder für einen
zweiten Ohrring.
Um kurz nach acht hänge ich meine Jacke über einen der weißen
Kunstlederswinger im Saal. Dann werfe ich einen Blick auf den Stuhl
in der ersten Reihe, ganz vorne links. Ich muss schließlich wissen,
ob er besetzt ist. Und wenn ja, von wem. Früher war dieser Stuhl
Antons Frauenparkplatz. In wechselnder Besetzung. Jetzt sitzt dort ein
Mann, er kommt mir bekannt vor, und schließlich fällt es
mir wieder ein, das ist Anton Olbrichts Lektor. Natürlich hat auch
er keinen Pferdeschwanz mehr, sondern Stoppeln mit blond gefärbten
Spitzen. Ich könnte den Mann umarmen. Dabei weiß er sicher
nicht, wer ich bin.
Ich lasse meine Jacke im Saal und gehe noch mal ins Foyer und an
die Bar, um mir einen Rotwein zu holen. Merdinger Bühl 2003, Jahrhundertsommer-Jahrgang,
ganz ordentlich für eine Lesung. Um mich herum wuselt die typische
Mischung aus Kreaturen, die in ihrer Freiburger Ökonische die letzten
Jahrzehnte überlebt haben, Achselhaarweibchen mit Delphinanhängerketten,
Rucksackmännchen mit Windjacken, und ich will schnell mein Glas
ergreifen und zurück in den Saal gehen, da steht plötzlich
dieser Junge neben mir. 18, 19, auf keinen Fall älter als 20. Kussmund,
Kopfkissenlippen, Kinderwimpern, das Haar kurz, dunkelblond und über
der Stirn zu einer Tolle gegelt. Dieser Kopf sitzt auf einem Männerkörper, über
einsneunzig, breitschultrig, ein bisschen gebeugt. Wie sie eben dastehen,
diese großen Jungen, die noch nicht ganz in ihre neue Figur hineingewachsen
sind.
Er trägt ein gelbes T-Shirt mit Attac-Schriftzug und dem Spruch
Die Welt ist keine Ware, und ich frage mich, ob diese Dinger von achtjährigen
Näherinnen in Bangladesch produziert werden. In einer Hand balanciert
er eine Flasche Tannenzäpfle, Zeige- und Mittelfinger unter die
Verdickung an der Halsöffnung geklemmt. Er nimmt einen gierigen
Schluck, so dass das Bier bis zur Öffnung schäumt. Anfänger.
Er hat meinen Blick bemerkt und setzt die Flasche ab.
Na, sagt er, neidisch?
Neidisch, wieso?
Na, weil Sie so gierig gucken.
Ich muss lachen. Keine Sorge, sage ich und greife nach meinem Rotweinglas,
für Flaschenbier bin ich zu alt.
Wer sagt denn so was, fragt er zurück, ehrlich empört.
Der Junge gefällt mir.
Noch ehe ich etwas erwidern kann, beginnt ein Hornbrillenträger,
die Gäste vom Foyer in den Saal zu scheuchen, ja, natürlich
dürfen Sie Ihre Getränke mitnehmen, nein, drinnen ist selbstverständlich
Rauchverbot. Der Junge lächelt entschuldigend und bewegt sich mit
wiegenden Schritten in Richtung Saal. Auf halbem Weg bleibt er stehen
und fährt sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Kindlich und männlich zugleich, eine Geste, die mir bekannt vorkommt,
mehr als das, vertraut.
Dann dreht er sich zu mir um, und plötzlich ist mir alles klar.
Du, mein Kleiner, hast mich schon einmal nackt gesehen.
Es ist, als hätte jemand eine Luke in meiner Erinnerung geöffnet,
und während ich mit dem Rotweinglas in der Hand zu meinem Platz
stolpere, führt mich jeder Schritt weiter ins Bodenlose.
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