Meerschweinchen bringen Glück, 1. Kapitel

Das Glück kam in einer kleinen Schachtel zu Lilli Weißgruber. Die Schachtel war aus Pappe, hatte eingestanzte Luftlöcher und wenn man die Nase daran hielt, roch es nach Sommerwiese und Tier.
Mama und Papa taten sehr geheimnisvoll, fragten: Was mag da wohl drin sein?, und grinsten sich verschwörerisch zu, aber Lilli wusste sofort Bescheid. Ein Meerschweinchen hatte sie immer gerne haben wollen, schon letztes Jahr zu Weihnachten, und dieses Jahr hatte sie lange vor ihrem Geburtstag eine Liste geschrieben, auf der ihr Herzenswunsch ganz oben stand. Dass Mama und Papa den Umzug von München nach Hamburg zum Anlass nehmen würden, das war eine gelungene Überraschung.
Lillis Hände zitterten vor Aufregung, als sie den Deckel der Transportschachtel anhob.
„Schau mal, das ist dein erster neuer Freund in der neuen Stadt“, sagte Papa, und Mama legte Papa die Hand auf die Schulter.
Alle drei blickten auf das braun gefleckte, langhaarige Meerschweinchen und es sah aus Knopfaugen zurück, die glänzten wie polierte Murmeln.
Nur Lillis kleiner Bruder fand gerade etwas anderes interessanter als das neue Familienmitglied. Fabian drehte seine Runden durch den kahlen Flur, in dem sich die Kisten stapelten, einen leeren Umzugskarton über den Kopf gestülpt, sodass man nur seine kurzen Beinchen darunter sehen konnte.
„Bekommt Fabian eigentlich auch was geschenkt?“, fragte Lilli.
Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Weißt du, wenn man zwei Jahre alt ist, dann ist einem so ein Umzug herzlich egal. Hauptsache, Mama und Papa sind da. Wir dachten, für dich ist es vielleicht nicht so einfach. Weil du doch deine beste Freundin zurücklassen musstest. Da wollten wir dir eine kleine Freude machen.“
Lilli streichelte vorsichtig den warmen kleinen Rücken des Meerschweinchens und dachte an Tina. Was die wohl gerade tat?
Seit dem ersten Schultag hatten Lilli und sie fast keinen Nachmittag getrennt verbracht. In der großen Pause hatten sie sich die Laugenbrezeln vom Bäckerstand geteilt. Nach der Schule hatten sie sich in ihrem Geheimversteck getroffen, der Höhle im Gebüsch beim kleinen Waldspielplatz. Tina hatte Lilli sogar in ihre Völkerballmannschaft gewählt, freiwillig. Und nicht als Allerletzte. Obwohl Lilli wirklich keine Stütze beim Ballspielen war. Immer war sie die Erste, die abgeworfen wurde, und noch nicht ein Mal hatte sie es geschafft, sich freizuwerfen. Am letzten Tag vor dem Umzug hatten Tina und Lilli auf gepackten Kisten in Lillis Zimmer gesessen, Limonade getrunken, sich sogar an den Händen gehalten. Fast so, als wären sie ineinander verliebt. Eine Freundin wie Tina, davon war Lilli überzeugt, würde sie nie wieder finden. Oder wenigstens nicht so schnell.
Das Meerschweinchen kratzte hektisch auf der Pappe des Transportkistchens herum und sah Lilli an. Der Blick war ein bisschen vorwurfsvoll, so als wollte es sagen: Häng jetzt nicht deinen trüben Gedanken nach, kümmer dich lieber um mich!
Lilli legte ihre Hände um den warmen, zitternden Bauch des Tierchens. „Es braucht noch einen Namen“, sagte sie.
Alle dachten nach. Es war so still, dass man nur noch das leise Schnaufen des Meerschweinchens hören konnte. Und Fabian, der mit seinem Karton über dem Gesicht nichts sehen konnte und immer wieder geräuschvoll irgendwo aneckte.
„Weißt du was, Schatz“, sagte Mama schließlich lächelnd zu Papa und deutete auf das Tier, „ich finde, der sieht genauso aus wie dein ehemaliger Chef!“
„Meichlböck? Natürlich! Ich wusste doch, dass mich das Viech an jemanden erinnert.“
„Sag doch nicht Viech!“, tadelte die Mutter.
„Aber Papa hat recht“, sagte Lilli.
Sie konnte sich gut an den kleinen, kurzatmigen Mann mit dem großen Schnurrbart erinnern, der ihr bei Betriebsfesten immer eine Extraportion Würstchen mit Ketchup gesichert hatte. Ein netter Kerl. Außerdem war der Name viel lustiger als Struppi oder Schnuffi. So hießen schließlich alle Meerschweinchen.
Lilli setzte das Tier in ihre Armbeuge, wo es sich zu einem warmen Fellbündel zusammenkuschelte.
„Willkommen in Hamburg, Meichlböck!“, sagte sie.

Wäre nicht die Sache mit Tina gewesen, Lilli hätte den Umzug nach Hamburg gar nicht erwarten können. Als sie mit ihren Eltern zum ersten Mal zu Besuch dort gewesen war, im Frühling, hatte sie sich sofort in die Stadt verliebt. Mittendrin gab es einen riesigen, aufgestauten Fluss, der aussah wie ein See und Alster hieß. Die blühenden Bäume hatten Lilli an riesige Eistüten erinnert und überall gab es hölzerne Bootsanleger, auf denen Leute in der Sonne saßen und Enten und Schwäne mit Brot fütterten. Ständig lief Mama Fabian hinterher, weil sie Angst hatte, er könnte vor lauter Begeisterung ins Wasser fallen. An einem dieser Anleger stiegen sie in ein weißes Schiff, das durch schmale Kanäle fuhr. Die Trauerweiden hielten ihre Äste tief über das Wasser gesenkt, Feenfinger, die Lilli im Vorbeifahren streichelten. Hinter hohen grünen Hecken standen große weiße Häuser, mit Säulen und Türmchen und Gärten, und manche von ihnen hatten sogar einen eigenen Privatsteg.
Als Lilli ihren Vater fragte, ob sie in Hamburg auch ein Boot haben würden, lachte er und streichelte ihr über den Kopf. „Wer weiß“, sagte er, „im nächsten Sommer vielleicht.“
Als Lilli in der Schule davon erzählt hatte, war Tina beinahe ein bisschen neidisch geworden: Häuser mit Türmchen und möglicherweise fuhr man morgens sogar mit dem Schiff zum Unterricht!
Zwar stellte sich dann ziemlich schnell heraus, dass die neue Wohnung keinen eigenen Anleger hatte, sondern im zweiten Stock eines blau gestrichenen Altbaus lag. Aber immerhin war der große Fluss, die Elbe, nicht weit und am Morgen hörte man manchmal die Nebelhörner der großen Frachter tuten. Und das war fast so romantisch, wie mit dem Schiff in die Schule zu fahren, fand Lilli. Sie durfte nicht vergessen, Tina davon zu erzählen. Gleich morgen wollte sie ihre Freundin anrufen.

Später am Abend saßen sie am Esstisch, den Papa rasch in dem Raum zusammengeschraubt hatte, der ihr neues Wohnzimmer werden würde. Es gab indische Teigtaschen, die Lilli mit Mama vom Imbiss an der Ecke geholt hatte, dazu Plastikbesteck und dünne Servietten. Den Karton mit dem richtigen Besteck hatte keiner finden können. Wahrscheinlich stand er irgendwo in dem windschiefen Stapel in Fabians Kinderzimmer und der kleine Bruder schlief schon längst.
So dazusitzen, mit Plastikmessern und Aluschalen, war ein bisschen wie ein Picknick auf einer abenteuerlichen Reise. Aufregend und etwas beängstigend zugleich. Denn das hier war keine Reise. Hamburg war ihr neues Zuhause, das wurde Lilli erst in diesem Moment richtig klar. Egal, ob es ihr gefiel oder nicht. Eine Rückfahrt nach München würde es nicht geben, höchstens zu Besuch.
Wie wohl die Kinder in der neuen Schule sein würden? Bisher hatte sie das Gebäude nur von außen gesehen, ein Backsteinbau mit Efeuranken, zwei Querstraßen von der neuen Wohnung entfernt.
Nach den vielen Stunden Auspacken sah Mama erschöpft aus und sprach nicht viel. Papa war dagegen bester Stimmung, trank Bier aus der Flasche und seufzte genießerisch nach jedem Schluck. Wenn er etwas Anstrengendes getan hatte, war er danach besonders fröhlich, das hatte Lilli schon häufig beobachtet. Egal, ob er Umzugskisten schleppte, eine Wand strich oder Löcher für eine Vorhangstange bohrte.
Eigentlich, dachte sie, wäre Papa ein prima Handwerker gewesen. Stattdessen saß er den ganzen Tag in einem Büro und telefonierte mit Leuten, damit die seiner Firma Limonade abkauften. Die neue Stelle in Hamburg war auch nicht anders. Nur, dass er jetzt nicht mehr selbst telefonieren musste, sondern einige Angestellte hatten, die das für ihn taten. Lilli konnte sich nicht vorstellen, dass so etwas Spaß machte.
„Na, Große?“, wandte sich Papa schließlich an sie und nickte kurz in Richtung Fenster. „Ist das ein Ausblick oder ist das kein Ausblick?“
Lilli schaute nach draußen und fand, dass Papa recht hatte. Dichte grüne Baumwipfel, dahinter ein altmodischer Kirchturm. Nur der Anblick der Bäume macht sie ein wenig traurig. Kastanien, das erinnerte sie an Biergärten mit grünen Stahlrohrstühlen und langen Tischen, an denen man selbst mitgebrachten Kartoffelsalat verspeiste. In Hamburg, so hatte Papa zugeben müssen, gab es solche Biergärten nicht.
„Ja“, sagte sie schließlich gedehnt, „schön ist das schon.“
„Aber?“, fragte er.
Lilli zuckte stumm die Schultern.
„Du wirst dich sicher bald zu Hause fühlen, Schatz“, sagte Mama und legte ihr einen Arm um die Schulter.
Lilli sah überrascht auf. Obwohl sie nichts gesagt hatte, hatte Mama genau gemerkt, wie sich ihre Stimmung verändert hatte. Wie machte Mama das? Konnte sie Gedanken lesen?
„Weißt du“, sagte Mama, „zu Hause ist man nicht an einem Ort. Auch wenn es da noch so schön ist. Zu Hause ist man bei den Menschen, die man liebt. Wenn ihr bei mir seid, Fabian, Papa und du, dann könnte ich mich wahrscheinlich auch in einem Zelt in der Wüste zu Hause fühlen.“
Lilli nickte und seufzte. „Das ist es ja. Ihr seid hier, aber ich hätte eben auch gerne meine Freunde mitgenommen.“
„In deinem Alter findet man doch überall Anschluss“, sagte Papa leichthin. „Du wirst sehen, nach ein paar Tagen denkst du schon gar nicht mehr an München.“
„Und außerdem kann Tina dich ja mal besuchen kommen“, sagte Mama, „und dann lernt sie gleich deine neuen Freunde kennen.“
Lilli dachte an Meichlböck, der jetzt in seinem neuen Drahtkäfig in der Küche vor sich hinschnuffelte. Der war heute auch umgezogen. Wen er wohl zurückgelassen hatte? Ob er vielleicht seine Mutter vermisste? Immerhin: Eine neue Freundin hatte er schon. Lilli.
Auf dem Weg ins Bad kam sie an Fabians Kinderzimmer vorbei. Er lag auf seiner Kindermatratze, den Mund im Schlaf geöffnet, und atmete hörbar. Der blaue Schlafanzug mit den roten Bärchen war über beide Knie hochgerutscht und Lilli konnte sich dunkel erinnern, dass sie das ausgewaschene Frotteeding früher selbst getragen hatte.
Sie beugte sich über ihren Bruder und atmete seinen Duft ein, appetitlich wie frischer Kuchenteig. Fabian hatte es gut. Am liebsten wäre sie selbst noch einmal so klein gewesen. Viel zu klein, um am nächsten Morgen dreißig unbekannten Kindern gegenüberzustehen.
Auf dem Rückweg vom Zähneputzen sah sie noch einmal in der Küche nach Meichlböck. Das Meerschweinchen saß in die Ecke des Käfigs gedrängt, so dass Fellsträhnen zwischen den Gitterstäben hinausschauten.
„Was meinst du?“, fragte Lilli flüsternd. „Werden die anderen nett zu mir sein?“
Meichlböck hörte auf, an seinem Strohhalm zu kauen. Er legte den Kopf schief, erst auf die eine, dann auf die andere Seite.
„Was war das?“, fragte Lilli. „Hast du jetzt genickt oder mit dem Kopf geschüttelt?“
Ein Schauder überlief den kleinen Körper. Es sah aus, als schüttelte Meichlböck alle Körperteile gleichzeitig: sein Hinterteil, seine Beinchen und auch seinen Kopf.
„Du glaubst, nein?“, flüsterte Lilli ängstlich. Schon sah sie es deutlich vor sich, wie die fremden Kinder auf dem Schulhof mit dem Finger auf sie zeigen, sie auslachen oder in der Klasse mit Papierfliegern auf sie zielen würden. Lilli kaute ein bisschen auf ihrer Unterlippe. Dann schüttelte sie sich, genau so wie es Meichlböck getan hatte, und rief sich zur Vernunft. Schließlich war Meichlböck nur ein Meerschweinchen. Wahrscheinlich hatte all das überhaupt nichts zu sagen.
Sie sah das Tier noch einmal an, aber es blickte bloß unverwandt durch sie hindurch. Vielleicht dachte Meichlböck an seine Meerschweinchenfreunde, die noch in der Zoohandlung auf einen neuen Besitzer warteten und die er wahrscheinlich nie mehr wiedersehen würde. Dagegen, fand Lilli, hatten Tina und sie es ziemlich gut.
„Mach dir keine Sorgen“, flüsterte sie und kraulte ihn zwischen den Öhrchen. „Wir beide werden es gut haben miteinander.“

« zurück zum Seitenanfang