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Einmal Papa und zurück, 1. Kapitel
Als Lilli Weißgruber die Augen aufschlug, hatte sie schon so
eine Ahnung. Denn an diesem Morgen stimmte einfach alles. Der Himmel
vor dem Kinderzimmerfenster erinnerte sie an ein tiefblaues Meer, auf
dem kleine Wolkenschiffchen segelten, die Kastanienbäume mit ihren
weißen und rosa Blüten sahen aus, als hätten sie sich
für ein Fest geschmückt. Lillis Meerschweinchen Meichlböck
begrüßte sie mit dem breitesten Grinsen, das man sich vorstellen
kann. Und als Mama dann auch noch zum ersten Mal in diesem Jahr erlaubte,
dass Lilli ohne dicke Jacke zur Schule ging, wusste sie: An diesen Tag
würde sie sich noch lange erinnern.
Wie recht sie mit ihrer Ahnung hatte, das sollte Lilli allerdings erst viel später
erfahren. Denn es sollte nicht nur der Tag werden, an dem etwas besonders Schönes
geschah. Sondern auch der Tag, an dem ein großes Abenteuer begann.
Schon seit Tagen gab es im Unterricht nur noch ein Thema: Was machen
wir an den Projekttagen kurz vor den Sommerferien? Jede Klasse sollte
sich gemeinsam etwas ausdenken, an dem alle zusammen arbeiten konnten.
Ideen gab es genügend: ein Theaterstück aufführen, einen
Froschteich anlegen, Skateboardfahren lernen. Und heute sollte die Abstimmung
sein. Lilli gefiel nichts davon richtig gut. Aber einen eigenen Vorschlag
hatte sie auch nicht. Noch nicht.
Wie jeden Morgen wartete sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin
Leonie darauf, dass die Ampel auf Grün umsprang. Und wie jeden
Morgen spielten sie dabei ihr Lieblingsspiel. Die Regeln waren ganz
einfach: Wer im Haus gegenüber einen Menschen entdeckte, bekam
einen Punkt. Da gab es die alte Frau, die immer auf ihrem Balkon Blumen
goss, den Vater mit dem Kindergartenkind an der Hand, die immer um diese
Zeit das Haus verließen, die dicke Blondine, die manchmal am offenen
Fenster rauchte.
„Eins zu null für mich!“, rief Leonie und deutete auf ein Fenster
im zweiten Stock. Dahinter stand ein Mann und zog eine Jalousie hoch.
„Gleichstand!“ Lilli zeigte auf die alte Frau mit dem Gehwagen,
die sich gerade mühsam aus der Eingangstür schob.
„Da oben!“ Leonie klatschte in die Hände. „Schau, ein
Schornsteinfeger auf dem Dach. Das gibt einen extra Glückspunkt.“
Das rote Ampelmännchen erlosch, das grüne leuchtete auf und
Lilli seufzte. Verloren. Doch als sie sich in Bewegung setzte, kam ihr
plötzlich eine Idee.
„Jetzt hab ich’s!“, rief sie und knuffte Leonie so heftig
in die Seite, dass die Bücher und das Federmäppchen in ihrem Schulranzen
polternd protestierten.
„Wie, was hast du?“
„Na, was wohl – die Idee für die Projekttage! Wir machen ein
Riesenwandgemälde, mit einem Haus mit dreißig Zimmern. Und jeder
malt darin seine Familie.“
Leonie sah sie zweifelnd an, spitzte den Mund und pumpte eine große
rosa Kaugummiblase auf. Sie wuchs und wuchs, wurde dünner und dünner
und platzte schließlich geräuschvoll.
„Weiß nicht“, sagte Leonie schließlich. Kaugummi klebte
an ihrer Oberlippe.
„Aber das ist doch super!“ Lilli war nicht zu bremsen. „Jeder
malt sein eigenes Bild und trotzdem ist es ein Projekt für alle zusammen.
Und wir haben hinterher was Schönes für die große Wand. Das
hat Burgi sich doch schon lange gewünscht.“
Der Gedanke an ihre Klassenlehrerin machte ihr noch mehr Mut. Frau
Burgstaller, die alle nur Burgi nannten, hatte sich schon oft über
den kahlen Putz im Klassenzimmer beklagt. So ein großes Gemälde
wäre sicher genau nach ihrem Geschmack.
Leonie zuckte die Achseln. „Ich würde lieber was draußen
machen“, sagte sie. „Das mit dem Skateboardfahren finde
ich gut.“
„Wie du meinst.“ Lilli war ein bisschen beleidigt. Beste Freundinnen
sollten doch eigentlich zusammenhalten. Aber sie ließ sich ihre Laune
nicht verderben. An diesem Tag, das wusste sie, würde einfach alles gelingen.
Um zehn vor acht läutete die Schulglocke, um fünf vor acht
meldete sich Lilli zu Wort.
„Ich hab da noch einen Vorschlag“, sagte sie und erklärte ihre
Idee.
„Super“, hörte sie die Stimme von Lotta hinter sich, „dann
hätten wir ja gleich was Schönes für die Wand dahinten!“
Burgi nickte zustimmend und schrieb vier Namen an die Schultafel. „Gut“,
sagte sie und nickte, „dann stimmen wir jetzt ab.“
Maltes Projekt – das Skateboardfahren – bekam sieben Stimmen,
drei Kinder waren für Paulas Theaterstück, drei andere wollten
mit Robert einen Froschteich anlegen. Burgi zählte noch einmal
die Striche an der Tafel. Dann blickte sie auf ihre Fingerspitzen, schnalzte
mit der Zunge, als wollte sie sich selbst tadeln, und wischte sich die
Kreidespuren an ihrer Jeans ab.
„Okay“, sagte sie, „jetzt bleibt noch Lillis Idee. Ein Wandgemälde
mit lauter Familienbildern. In einem gemeinsamen Haus.“
Mit klopfendem Herzen saß Lilli auf ihrem Platz in der ersten
Reihe und wagte nicht, sich umzudrehen. Was, wenn jetzt keiner die Hand
hob? Man konnte sich auch der Stimme enthalten, hatte Burgi erklärt.
Noch war nichts gewonnen. Lilli suchte Leonies Blick. Aber die schaute
konzentriert auf ein Herz, das jemand mit einer Zirkelspitze in den
Holztisch gekratzt hatte. Der Kaugummi in ihrem Mund knackte leise.
Leonie hatte tatsächlich fürs Skateboardfahren gestimmt. Aber
dabei hatte sie Lilli nicht angesehen.
Lilli hörte es hinter sich rascheln, etwas fiel zu Boden. Schließlich
hielt sie es nicht mehr aus und wandte den Kopf. Sie blinzelte, dann
sah sie noch einmal hin und konnte es nicht glauben. Fast an jedem Tisch
hatte mindestens ein Kind seine Hand gehoben. Kleine Hände, große
Hände, Hände mit Schrammen, Hände mit Klebe-Tattoos.
„Neun, zehn, elf ...“
Burgi zählte und Lilli spürte, wie sie vor Freude rot wurde.
„Fünfzehn, sechzehn ... siebzehn Stimmen für Lilli.“ Burgi
zwinkerte ihr freundlich zu. „Das nenne ich ein eindeutiges Ergebnis.“
Endlich hob Leonie den Kopf.
„Freust du dich denn gar nicht?“, fragte Lilli und um Leonies Mundwinkel
zuckte es.
Lilli erschrak. Was war nur mit Leonie los? Weinte sie etwa?
Aber dann verzog sich Leonies Mund zu einem zaghaften Lächeln. „Doch“,
sagte sie leise, „doch, ich freu mich für dich.“
Ein paar Kinder klatschten und Burgi zog mit roter Kreide einen Kreis
um Lillis Namen.
„Ich hab die Abstimmung gewonnen!“, erzählte Lilli
beim Mittagessen. „Mit siebzehn zu dreizehn!“
„Abdimmung“, flüsterte Fabian im Hochstühlchen neben ihr.
Seit einiger Zeit hatte ihr kleiner Bruder sich angewöhnt, neue Wörter
leise zu wiederholen, auch wenn er sie nicht verstand.
„Toll, mein Schatz“, sagte Mama und griff nach der Schüssel
mit den Semmelknödeln.
Noch vor ein paar Monaten war Lilli immer traurig geworden, wenn
es Semmelknödel zu essen gab. Es war ein typisches Essen aus München,
wo Lilli mit ihrer Familie früher gewohnt hatte. Lange hatte sie
die alte Wohnung vermisst, den kleinen Spielplatz an der Ecke, ihre
alten Freundinnen. Doch unmerklich war das Gefühl anders geworden.
Jetzt waren die Semmelknödel wie eine Erinnerung an einen schönen
Urlaub. Kein Essen mehr, das nach Heimweh schmeckte.
Mama erhob sich halb von ihrem Stuhl, um Fabian einen Knödel kleinzuschneiden.
Sie strahlte, als hätte sie dreimal nacheinander im Mensch-ärgere-dich-nicht
gewonnen.
Auch Mama war am Anfang in Hamburg unglücklich gewesen. Denn Lilli
hatte nach dem Umzug keinen leichten Start gehabt. Es hatte eine Weile
gedauert, sich an die neuen Kinder zu gewöhnen. Und umgekehrt.
Lange hatten sich die anderen über sie lustig gemacht, über
ihre Pullover und ihr Poesiealbum, über ihre Art zu sprechen und
darüber, wie ungeschickt sie sich beim Schwimmen anstellte. Als
sie sich mit Leonie angefreundet hatte, war alles anders geworden. Mehr
als das: Seit Leonie eine Überraschungsparty für sie organisiert
hatte, waren Lilli und sie unzertrennlich.
Und Leonie war so mutig. Mit ihr traute sich Lilli fast alles: alleine
mit der S-Bahn fahren, mit dem Fahrrad auf einem Mäuerchen balancieren.
Manchmal hatte Lilli ihre Freundin im Verdacht, dass sie Dinge vorschlug,
bei denen sie selbst ein bisschen besser abschnitt. Aber das machte
nichts. Lilli hatte immer noch genügend Grund, stolz auf sich zu
sein. Vor allem heute.
„Wann kommt Papa nach Hause?“, fragte Lilli ihre Mutter.
„Zum Abendessen, wie immer. Warum?“
„Nur so“, sagte Lilli und schob sich ein enormes Stück Knödel
in den Mund.
Sie konnte es kaum erwarten, Papa alles zu erzählen. Er war so
ein Zahlenmensch. Auf nichts war er so stolz wie auf gute Noten oder
wenn Lilli wieder zwei Zentimeter gewachsen war. Siebzehn Stimmen für
Lilli – wenn das mal keine schöne Zahl war! Lilli konnte
sich genau vorstellen, wie er sie ansehen würde, und eine warme
Welle des Glücks breitete sich in ihrem Bauch aus.
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