Schmetterlinge streiten nicht, 1. Kapitel

Am Tag, an dem Leonie Hansen zum ersten Mal die Wolken von oben sehen sollte, ging ihr Radiowecker noch früher an als sonst. Benommen tastete sie nach dem weißen Plastikkästchen auf ihrem Nachttisch, erwischte den falschen Knopf und drehte das Radio auf volle Lautstärke, statt es auszustellen. Eine Sängerin brüllte Leonie irgend etwas von „holiday“ ins Ohr, und sie fuhr im Bett auf. Es war ein Gefühl von Glück und Erschrecken gleichzeitig, ähnlich wie auf dem Rummelplatz, wenn die Achterbahn einen Moment auf dem höchsten Punkt zu schweben scheint, ehe sie in die Tiefe saust. Endlich war es soweit.
Leonie schwang die Beine aus dem Bett, das rechte zuerst, so hatte sie es von Lilli gelernt. Tage, an denen man mit dem linken Fuß zuerst aufstand, brachten Unglück. Sagte wenigstens ihre beste Freundin. Und das konnte Leonie heute nicht gebrauchen. Schließlich fand sie den richtigen Schalter am Radio und brachte das Geheul zum Schweigen. Das Lied gefiel ihr nicht, aber „holiday“ – das passte. Denn heute war ihr erster Ferientag. Und nicht irgend einer.
Während Leonie ihre Zehen in die kratzigen Wollfäden ihres Kinderzimmerteppichs vergrub, stellte sie erstaunt fest, dass sie doch noch eingeschlafen sein musste. Stundenlang hatte sie gestern abend wachgelegen und der Sommerabendmusik vor dem Fenster zugehört. Den klappenden Autotüren, lachenden Frauen, später in der Nacht dem Geräusch einer zersplitternden Flasche. Leonie war immer aufgeregt, wenn es ans Verreisen ging, aber noch nie war es so schlimm gewesen wie diesmal. „Es ist ganz wichtig, dass du morgen früh pünktlich bist,” hatte Mutsch ihr gestern abend noch eingeschärft. „Wenn ihr zu spät zum Flughafen kommt, dann ist das Flugzeug weg.“
Und das war ja nur einer von vielen Gründen, nervös zu sein. Leonie würde nicht nur zum ersten Mal fliegen, sie würde auch zum ersten Mal in ihrem Leben zwei Wochen lang von ihrer Familie getrennt sein. Dafür würde sie zum ersten Mal zwei Wochen mit Lilli verbringen.  Ob die wohl genau so schlecht geschlafen hatte wie sie? Wahrscheinlich nicht. Lilli war ja schon ein paar Mal mit dem Flugzeug verreist. Leonie, Mutsch, ihr Stiefvater Rocco und sein Sohn Johnny waren in den letzten Jahren immer mit einem klapprigen VW-Bus in den Urlaub gefahren. Der Bus war orange, trug auf der Fahrerseite eine beeindruckende Sammlung von alten Blümchenaufklebern und auf der anderen Seite einen schwarzen Schriftzug. „The Astras”, so hieß Roccos Band, und wenn er den Bus nicht gerade für eine Urlaubsreise brauchte, war er darin mit seinen Musikerfreunden zu Konzerten unterwegs. Leonies Mutter spottete immer darüber, dass der Bus so aussah, als würde er es nicht einmal von Hamburg-Altona auf die andere Seite der Elbe schaffen. Aber bisher hatte er weder die Band noch die Familie im Stich gelassen. Letztes Jahr war er sogar heil bis nach Spanien gekommen. Und zurück.
Bis vor drei Wochen hatte es so ausgesehen, als wäre auch dieser Sommer ein Sommer wie jeder andere, mit einer VW-Bus-Fahrt ans Meer, vielleicht nicht gerade bis nach Spanien, aber an die Ostsee oder nach Dänemark. Bis zu diesem Abend, an dem Mutsch plötzlich ihre Arme nach Leonie ausgestreckt und sie auf ihren Schoß gezogen hatte, als sei Leonie nicht neun Jahre alt, sondern ein ganz kleines Mädchen. „Hör mal zu, meine Süße,” hatte sie angefangen, und da hatte Leonie geahnt, dass jetzt etwas unangenehmes kommen würde.
Die Mutter hatte ihr erklärt, dass sie diesen Sommer in ihrer Anwaltskanzlei mehr als sonst zu tun hatte. Und dass an Urlaub nicht zu denken war. Doch ehe Leonie etwas tun konnte (was man in dem Fall eben so tut: weinen, aufspringen, eine Tür zuknallen lassen) hatte die Mutter schon die nächste Überraschung parat gehabt: Lillis Familie wollte sie mitnehmen in einen Ferienclub nach Italien.
Als Leonie sich am nächsten Tag mit Lilli gemeinsam den Hotelprospekt angeschaut hatte, war sie völlig begeistert gewesen. Ein Club, das war etwas ganz anderes als die Ferienhäuschen am Strand, die Leonie bisher kennen gelernt hatte. In dem Prospekt waren bunte Fotos von Jungen und Mädchen, die Wettspiele am Pool machten, einen Ausflug auf einem echten Piratenschiff unternahmen und Berge von Pommes und Hähnchenschnitzeln auf Teller häuften. Manchmal waren auch Erwachsene dabei, aber sie sahen nicht aus wie Lehrer oder Erzieher. Eher, als wären sie selbst übermütige, große Kinder in ihren T-Shirts mit den bunten, aufgedruckten Sonnen. „Die heißen Animateure,” hatte Lilli erklärt, „es gibt zum Beispiel einen für Spiele am Pool, einen fürs Surfen-Lernen und einen für die Kinder.“ Als Leonie dann auch noch das Bild einer Reiterin sah, die in geblümten Shorts auf einem Schimmel den Strand entlang trabte, war sie restlos begeistert gewesen. Lilli hatte noch mehr zu erzählen gewusst von diesem Wunderding namens Ferienclub: Zum Beispiel durften Kinder dort den ganzen Tag lang umsonst Eis essen. Man musste nur an die Bar gehen und mit kleinen roten Plastikperlen bezahlen. „Und das allertollste, das zeig ich dir, wenn wir da sind,” hatte Lilli triumphierend gesagt. So sehr Leonie auch bat und bettelte, ihre Freundin hatte immer nur vielsagend gelächelt.
Leonie hatte nicht lang überlegen müssen. Natürlich wollte sie mit an diesen wunderbaren Ort. Am nächsten Abend hatte Mutsch noch gefragt, ob sie nicht zu großes Heimweh haben würde. Da hatte Leonie so heftig den Kopf geschüttelt, dass ihre Baseballkappe über das Balkongeländer segelte und drei Stockwerke tiefer auf dem Bürgersteig landete.
Gestern abend im Bett, als die rote Digitalanzeige auf dem Radiowecker sich im Minutentakt veränderte, war sie sich zum ersten Mal nicht mehr so sicher gewesen. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.
Leonie sah aus dem Fenster. Dort oben im Blau, weit über den Wipfeln der Kastanienbäume auf der anderen Straßenseite, franste das Ende eines Kondensstreifens aus. Nur noch ein paar Stunden, dann würde sie selbst eine solche Himmelsspur hinter sich herziehen.

„Hast du auch wirklich alles für sie eingepackt? Den Ausweis? Die Sonnencreme? Die Tabletten gegen Reiseübelkeit?” rief die Mutter durch die geöffnete Tür des Küchenbalkons.
Rocco stand draußen und rauchte. Und das um diese Tageszeit. Leonie hielt sich schon einmal die Nase zu. Gleich würde er einen Schwall kalten Rauch mit hineinbringen. Einfach ekelhaft.
„Hey, entspann dich! Ich bin besser als jedes Reisebüro. Oder, Leo?”, rief Rocco zurück.
„Igitt, nicht diese widerlichen Tabletten! Da wird einem ja schon vom Kauen schlecht!“ Leonie kippelte auf einem Küchenstuhl und machte ein übertriebenes Würgegeräusch. Normalerweise konnten Johnny und sie damit die Erwachsenen zur Weißglut bringen. Aber heute schien es niemand zu bemerken.
Mutsch stand an die Küchenspüle gelehnt und kniebelte an einem weißen Fädchen, das aus dem Frotteegürtel ihres Bademantels heraushing. Rocco drückte seine Zigarette im Aschenbecher auf dem Balkon aus, dann schlenderte er in die Küche, legte Leonie einen Arm um die Schulter und drückte sie. Leonie hielt den Atem an. „Wirst mir fehlen, meine Lütte,” sagte er. Hatte sie sich getäuscht, oder klang seine Stimme tatsächlich ein bisschen belegt?
Leonie griff nach dem Schultergurt ihrer neuen Reisetasche und sah zu, wie sich ihre Fingerknöchel weiß verfärbten, je kräftiger sie die Hand zusammendrückte. Sie musste daran denken, wie sie zum ersten Mal auf einem großen Pferd gesessen hatte. Die Zügel in der eigenen Hand, nicht so wie bei den kleinen Ponys, die von Eltern oder größeren Mädchen geführt wurden. Als es an der Tür klingelte, zuckte sie zusammen. „Das sind sie!” flüsterte sie.
Sie sah hinüber zu Mutsch, die noch immer ihren Frotteefaden bearbeitete. „Also, wenn irgend etwas ist,” sagte Mutsch und starrte auf ihren Gürtel, „ich meine, wenn du dich doch nicht wohl fühlst in diesem Ferienclub....du weißt, du kannst immer anrufen, und dann finden wir eine Lösung.“
Energisch schüttelte Leonie den Kopf. „Wieso, was soll denn sein?“
„Eben,” sagte Rocco und zerzauste liebevoll ihre Haare, „du bist doch meine mutige kleine Löwin! Und außerdem hast du deine beste Freundin dabei, was soll da schon schief gehen?“
Plötzlich fiel Leonie noch etwas ein. „Hast du mir eigentlich auch meine Löwenbänder eingepackt?” fragte sie.
„Oh nein,” Rocco schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, „da hätten wir doch fast das wichtigste vergessen.“ Schon war Mutsch auf dem Weg in Leonies Zimmer, um das verwaschene Päckchen aus dem Schrank zu holen. Türkisfarbene Schweißbänder für die Handgelenke mit kleinen Löwen darauf, die Leonie immer anzog, wenn es darauf ankam. Vor Mathearbeiten, vor S-Bahn-Fahrten ohne Mutsch, oder wenn sie gegen Johnny beim Computer-Fußball antrat.
Wieder klingelte es, stürmisch und durchdringend, und Leonie riss die Tür auf, Mutsch im Schlepptau, die Schweißbänder immer noch in der Hand. „He,” hörte sie Rocco noch rufen, „willst du dich gar nicht richtig verabschieden?“ Aber da war Leonie schon auf der Treppe, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Jetzt nur nicht umdrehen. Echte Abenteurer blickten niemals zurück.

Der Flughafen lag in der Sommersonne wie ein glänzendes Ufo, und als Leonie mit Lilli, Lillis Eltern und ihrem kleinen Bruder Fabian durch die Drehtür in die große Halle geschoben wurde, kam es ihr vor, als sei sie schon sehr weit weg von zu Hause. Hier begann eine andere Welt, eine Welt, die nach frischem Kaffee und schweren Parfüms duftete. Eine Welt, die von Anzugträgern bevölkert wurde und von Männern in fallschirmseidenen Jogginghosen, die an den Stehtischen der Flughafenbar lautstark über Fußballergebnisse und das Essen in Urlaubshotels redeten.
Zielstrebig durchquerten Lillis Eltern die Menge und stellten sich an einem Schalter an, über dem ein Schild mit einer großen gelben Sonne leuchtete. Sie schienen sich hier bestens auszukennen und bewegten sich in der Flughafenhalle so selbstverständlich wie zwischen den Regalen des Supermarktes. Eine Frau in Uniform saß hinter dem Tresen und nahm Personalausweise und Flugtickets entgegen. Auf ihrer Mütze prangte die gleiche gelbe Sonne. Verwundert beobachtete Leonie, dass die Familie vor ihr mehrere große Koffer auf ein Laufband hob und schließlich ohne Gepäck den Schalter wieder verließ. Sie warf einen Seitenblick auf Lilli. Gerne hätte sie ihre Freundin gefragt, was das zu bedeuten hatte. Was passierte wohl mit den Koffern?
Aber seitdem sie die Flughafenhalle betreten hatten, war etwas seltsames mit Lilli passiert. Im Taxi hatten sie sich noch ausgemalt, welches Eis sie heute nachmittag als erstes essen würden, Erdbeer oder Schokolade. Und dann hatten sie sich gegenseitig mit Gummibärchen aus bunten Plastikdosen gefüttert. Denn geschenkte Süßigkeiten sind immer leckerer als die eigenen, das weiß ja jedes Kind. Vor allem, wenn sie von der besten Freundin kommen.
Jetzt war Lilli auf einmal ein Teil dieser fremden Flughafenwelt. Fast war es, als wäre sie auf einen Schlag mehrere Jahre älter geworden. Sie erinnerte Leonie plötzlich an diese unnahbaren, großen Mädchen, mit denen sich Johnny manchmal verabredete und die dann schweigend in der Küche saßen und Orange-Ingwer-Limonade tranken. Nichts schien Lilli zu beeindrucken, weder das Gepäck, das im Nichts verschwand, noch die große Anzeigetafel, auf der alle paar Minuten unter lautstarkem Geratter neue, exotische Namen erschienen, Namen wie Agadir oder Chicago.
Stattdessen hatte Lilli sich auf ihren Koffer gesetzt und las in einem Heft, auf dessen Titelseite zwei lachende Mädchen in Ballettkostümen abgebildet waren. Eine davon war blond, die andere hatte kurzes dunkles Haar. Leonie sah genauer hin. Richtig, es war ein „Sylvie & Lucie“-Comic. Alle Mädchen aus ihrer Klasse sammelten die Geschichten von den zwei Freundinnen, die zusammen tanzten und die unglaublichsten Abenteuer erlebten. Auch Leonie selbst, die sich sonst eher für Fußball interessierte, mochte die gezeichneten Hefte. Und dieses hier kannte sie noch nicht.
„Cool,” sagte Leonie, „ist das neu?“
Lilli sah auf und wollte gerade antworten. Aber die Frau von der Fluggesellschaft war schneller.
„Fenster oder Gang?” fragte sie mit breitem Lächeln, und ehe Leonie merkte, was geschah, hatte Lillis Vater schon nach ihrer Reisetasche gegriffen und sie auf das Laufband gehievt. Thilo Weißgruber trug hochgeknöpfte Hosen und ein kurzärmliges Karohemd und sah schon den ganzen Morgen so aus, als könnte er es kaum erwarten, an den Strand zu kommen.
„Nein!“ rief Leonie erschrocken, „die muss doch mit!“
Thilo Weißgruber drehte sich um und zwinkerte ihr freundlich zu.
„Na klar, junge Dame. Deshalb wird deine Tasche jetzt eingecheckt!“
„Einge – was?“
„Eingecheckt. Und das hier, wo wir stehen, heißt Check-In-Schalter.“
„Ja, aber....bekomme ich die denn wieder?“
Jetzt endlich sah Lilli von ihrem Comic auf und erhob sich gleichzeitig von ihrem Koffer. „Hat deine Mama dir das nicht gesagt? Gepäck muss man beim Fliegen abgeben, das kommt in einen extra Raum im Flugzeug, und man holt es später wieder ab, wenn man angekommen ist.“
„Geht das jetzt mal weiter da vorne?” erklang eine ungeduldige Stimme.
Leonie und Lilli wandten gemeinsam die Köpfe. Hinter ihnen in der Schlange stand ein Mädchen und zwirbelte eine dunkle Haarsträhne. Leonie reichte ein einziger Blick um zu wissen, dass sie das Mädchen nicht mochte.
Es war diese Art von Mädchen, an denen alles perfekt war: die Schuhe passten zum Rucksack, die Haare glänzten wie aus einem Werbefilm, und selbst die Sommersprossen auf der Nase sahen aus, als hätte sich jemand sehr genau überlegt, an welchen Stellen sie am besten zur Geltung kamen. Solchen Mädchen war nicht zu trauen. Die gaben einem nichts von ihren Süßigkeiten ab, verpetzten einen bei der Lehrerin, und beim Völkerball wagte kein Junge, sie abzuwerfen.
„Wir sind gleich soweit,” sagte Lilli zu ihr, „weißt du, meine Freundin ist noch nie geflogen.“
„Ach so,“ sagte das Mädchen und lächelte ein bisschen herablassend. Täuschte sich Leonie, oder blickte auch Lilli spöttisch drein? Das Mädchen spitzte die Lippen, und ein Duft nach Erdbeerkaugummi wehte zu Leonie herüber. Das Mädchen blies, ein rosa schillernder Kaugummiballon blähte sich vor ihrem Gesicht auf und zerplatzte schließlich geräuschvoll.
Währenddessen hatten Lillis Eltern alles mit der Stewardess geregelt, und jetzt ging es ganz schnell. Lillis Mutter drückte den beiden Mädchen zwei längliche Karten in die Hand, auf denen stand, wo sie auf dem Flug sitzen würden, Lillis Vater schulterte Fabian, und weiter ging es zur Sicherheitskontrolle. Während eine Frau mit einem piependen Gerät über die Nieten an Leonies Jeans fuhr, konnte sie schon die großen Panoramafenster sehen. Und da waren sie: große Flugzeuge mit bunter Bemalung, die dort standen, landeten oder so leicht in den Himmel abhoben, als wäre es keine tonnenschwere Maschinen sondern Kindergartenkinder auf dem Trampolin. Wieder überkam Leonie das Gefühl von heute morgen. Die Achterbahn auf dem höchsten Punkt. Es war soweit.

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